Martin Grell ruft an

Endlich rief mein Tierarzt wieder an. Das war ja nun nach monatelangem Schweigen ein richtiges Event, und ich war gespannt zu erfahren, was er auf dem Herzen hatte.

„Was“, fragt mich Martin Grell, „ist der Unterschied zwischen einem Huhn und einem Turnierpferd?“

Ich bin ratlos.

„Bei Hühnern ist Zwangskäfighaltung verboten!“, kräht Martin Grell.

Jetzt will ich wissen, was es mit dieser Erkenntnis auf sich hat, und da legt er auch schon los. Ganz offensichtlich traumatisiert, weil er sich als Distanztierarzt für einen Turniereinsatz hat einfangen lassen. Konkrete Angaben zur Lokalität verschweigt er diskret.

„Auf dem Weg zum Springturnier“, erzählt er unter Qualen. „werden zwei Pferde morgens um fünf Uhr dreißig säuberlich eingeflochten und in Transportbandagen und Decken verpackt – möglichst passend zur Hängerfarbe – verladen. Eine Stunde später auf dem Turnierplatz angekommen, genehmigt sich der Reiter erst einmal einen Frühschoppen, ab Klasse M Sektfrühstück von sechs Uhr dreißig bis acht Uhr dreißig. Kurz vor neun Uhr wird eines der beiden Pferde vom Hänger geholt, abgeritten (circa sieben Komma fünf Minuten) und erreicht im ersten Springen des Tages leider nur den fünften Platz. Vom misslungenen Tagesstart enttäuscht, packt der Reiter das Pferd wieder auf den Hänger und genehmigt sich ein zweites Frustfrühstück. Gegen zehn Uhr dreißig ist das zweite Pferd an der Reihe. Man ahnt es schon: Abladen, siebeneinhalb Minuten Abreiten, anderthalb Minuten Parcours. Schleichen sich da Bedenken ein, ob die mangelhafte Leistung (acht Fehlerunkte, keine Platzierung) nicht doch etwas mit der beim Einreiten sichtbaren Steifheit des Pferdes zu tun haben könnte?“

„Hat doch nur fünf Stunden im Hänger gestanden“, werfe ich ein.

„Man könnte diesem Missstand abhelfen“, sinniert Martin Grell. „Wie wäre es mit Physiotherapeuten auf dem Turnierplatz, um das Hängerstehen sinnvoll zu gestalten?“

„Und was ist mit Abreiten?“, frage ich argwöhnisch.

„Wenn man das wüsste“, grübelt der FEI-Tierarzt und erwähnt: „Mein Sohn ist Leistungssportler. Der wärmt sich für einen Fünf-Minuten- Wettkampf bis zu neunzig Minuten lang auf. Aber Mensch ist nicht gleich Pferd und Pferd ist nicht gleich Huhn.“

„Thermografische Untersuchungen haben ergeben, dass die Pferdebeine erst nach zwanzig Minuten gleich warm sind“, doziere ich altklug.

„Thermografische Untersuchungen brauche ich nicht mal“, schnaubt Marzin Grell empört, „um zu wissen, wie ich Pferde unter einer schicken dunklen Hängerhaube langsam garen kann. Hauptsache, man geht dann nicht auch noch mit Wasser an die Tiere ran, das könnte zu Verbrühungen führen.“

„Also sind Pferde bei einem E-Springen in Posemuckel eher von Dehydration bedroht als bei einem Distanzritt in Dubai?“, erkundige ich mich entsetzt.

„In der Regel schon“, erwidert Martin Grell ernst. „Ich meine, in Bayern ist unlängst ein Distanzreiter so lange neben seinem Pferd hergerannt, bis er seine eigene Crew nicht mehr erkannte. Er konnte den Ritt erst nach einer Infusion fortsetzen.“

„Das wäre nicht erlaubt gewesen, wenn das Pferd die Infusion bekommen hätte!“, höre ich mich schon wieder dozieren.

„Vielleicht sollte man neben tierärztlichen auch humanmedizinische Kontrollen auf Turnieren einführen“, grollt Grell, „ich hatte schon immer den Verdacht, dass Springreiter mit Red Bull besser fliegen.“

„Dann wüsste man auch“, rege ich an, „ob Dressurreiter dieselben Psychopharmaka nehmen, die sie vorher an ihren Pferden testen. Ich meine, die Kleinstmengen für den Reiter fallen doch da nebenbei mit ab.“

„Solche Doppelanwendungen sind ein alter Hut“, stimmt Martin Grell mir zu. „Es ist ja bekannt, dass Kieselerde, die früher bei Pferden zur Verstärkung von Sehnen und Bändern verordnet wurde, nicht nur im Pferd gelandet ist. Und heutzutage ist Hyaluronsäure an aller Munde.“

„Jetzt begeben wir uns aber schon wieder auf das heiße Pflaster der Medikationen im Pferdesport!“, warne ich und zitiere einen Spruch, den ich neulich aufgeschnappt habe: „Ein Turnierpferd und Equipalazone: Welches Pferd geht denn noch ohne?“

„Gut, dass ich das nicht gesagt habe“, beendet Martin Grell hastig das Telefonat.

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letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 mail Martin Grell ruft an! ring vom 9. August 2009