
Wenn ich meinen Tierarzt anrufe, dann im Allgemeinen, weil ich um die Gesundheit meiner Pferde besorgt bin. – Wenn mein Tierarzt mich anruft, dann im Allgemeinen, weil er um die Gesundheit der equiden Population überhaupt besorgt ist.
Wenn ich meinen Tierarzt im Besonderen anrufe, dann, weil ich seine Meinung als FEI-Tierarzt, als Ex-Kadertierarzt der Deutschen und als In-Kadertierarzt der Griechen zur Befindlichkeit meiner Distanzpferde einholen möchte. – Wenn mein Tierarzt mich im Besonderen anruft, dann, weil er in den benannten Eigenschaften seine Meinung zur Befindlichkeit des Pferdesports – und des Distanzsports um Speziellen – äußern möchte.
Neulich – ich bin völlig vertieft in den Aufbau einer Bilddatenbank der Pferdezahnheilkunde – wirft er mich wieder aus der Bahn.
Mein Handy schrillt, und Martin Grell meint amüsiert, dass er sich nun wirklich ernsthaft Gedanken über die Qualitätssicherung des veterinärmedizinischen Nachwuchs’ in Deutschland mache.
Ich halte die Luft an.
„Die Ausbildung in der Propädeutik“, konkretisiert er zu meiner Erleichterung, „lässt doch augenscheinlich zu wünschen übrig.“ Und führt munter folgendes Beispiel an: Einen Pferdebesitzer, der ihm sein Pferd zwecks Augenuntersuchung im gleißenden Sonnenlicht vorstellte, überraschte er mit der Bitte, doch einen Schattenplatz aufzusuchen und mit dem Spruch: „Eine Augenuntersuchung im grellen Sonnenlicht ist schließlich so sinnvoll wie eine Lahmheitsuntersuchung um Mitternacht.“
„Weil das Pferd da schläft?“, hinterfragte der Pferdebesitzer nachdenklich.
„Der nun aber“, teilt Martin Grell mir mit, „outete sich als Student der Veterinärmedizin im fünften Semester. – Ja“, fährt er in einem Atemzug fort, „da zeigt manch Berliner Kneipenbesucher nach Mitternacht mehr Bestreben um tiermedizinischem Durchblick. Klingelt doch vorgestern um zwei Uhr früh mein Diensttelefon und einer meiner Kunden nuschelt im Vollrausch: Sie sinnoch Tieraazt. Ick hab hier jewettet. Hat det feerd dennnu ne galle oda nich?“
„Konntest du helfen?“, frage ich neugierig.
„Beiden, ja“, sagt Martin zufrieden, „dem Bierseligen konnte ich versichern, dass das Pferd zwar keine Galle, wohl aber Gallenflüssigkeit habe, den Studenten werde ich zur Schadensbegrenzung zwei Monate mit auf Tour nehmen. Denn - ich zitiere meinen Professor Henschel: Ein Mediziner ohne Anatomie ist wie ein Maulwurf; er gräbt täglich im Dunklen und sein Tagewerk sind zuweilen Erdhügel.“
„Aaa-ber“, bremse ich ihn aus, „wir müssen an dieser Stelle die positiven Beispiele einstreuen, um kein Motzverbot zu riskieren. Denk nur an die vier freiwilligen Vet-Studenten, die im letzten Herbst beim Distanzritt in Bötzow volontierten und bei Wind und Wetter die Chance nutzten, direkt am Pferd zu lernen.“
„Wie auch sonst“, hakt Martin engagiert ein, „soll man ein Feeling dafür entwickeln, dass ein Pferd mit, sagen wir, deutlichen Rückenschmerzen, sich im Rennen nicht weiterqualifizieren kann.“
„Du arbeitest daran, auch in Bereichen, wo das Tierschutzgesetz nicht mehr greift, eine Front zu bilden“, erfasse ich, „du rekrutierst bereits deine Praktikanten.“
„Praktikanten, aber keine Praktikeusen.“
Er hat sein Pulver für heute noch immer nicht verschossen, merke ich, und sende Fragezeichen durch den Äther.
„Den Unterschied kennst du nicht?“, fragt er nach. „Also, die Praktikeuse, die ich vor drei Wochen rausgeschmissen habe, kam mit den Händen in den Hosentaschen angeschlendert, während ich bis zum Oberarm in einem Koliker steckte und meinte: Übrigens, Martin, im Auto klingelt dein Telefon.“
| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |