Interview mit Martin Grell am 22. Juli 2007

Teil 1: Aus der märkischen Sandbüchse in die arabische Wüste

ML: Wir könnten jetzt natürlich die aktuelle Diskussion um die DM aufgreifen, obwohl die vielleicht im Moment etwas hochgepeitscht sein dürfte ...

MARTIN GRELL: ... oder man könnte einen Tick früher beginnen, nach dem Motto: Fünfeinhalb Jahre Team-Tierarzt der Deutschen Distanzmannschaft sind zu Ende gegangen, Blick nach hinten, Blick nach vorn, nach der Retrospektive - wie sind die Perspektiven?

ML: Ich möchte die Thematik DM/DJM jedoch nicht ganz ausklammern, sonst wird es verlogen und die Leute sagen: Was quatschen die da für ein seichtes Zeug.

MARTIN GRELL: Nein, darauf kommen wir ja dann unweigerlich. Wir binden es nur anders ein.

Beginnen wir mal so: Wenn ich das richtig weiß, hat es in dem Job noch keiner so lange ausgehalten. Der Durchschnitt lag bei zwei bis zweieinhalb Jahren maximal.

ML: Wie kam das damals überhaupt zustande, wer ist auf dich zugekommen?

MARTIN GRELL: Das waren Dr. Juliette Mallison [Vorsitzende des VDD], Claus Angelbeck [langjähriger Veranstalter] und Blanky [Dr. Klaus Blankenburg alias „Doc Blanc“, Grand Senior der Distanztierärzte; Anm. d. Verf.].

ML: Da hattest du aber schon seit geraumer Zeit Distanzritte als Tierarzt betreut?

MARTIN GRELL: Carola und Detlef Wirth, deren Pferde ich behandelt habe, sind damals diese großen Ritte Dresden-Hamburg/Hamburg-Dresden und nach Polen gegangen. Sie waren mittendrin und schwärmten von Klaus Blankenburg. Und da dachte ich: Das musst du dir mal angucken.

Und dann kam die Faszination. Mit Trabern, mit Rennpferden, hatte ich ja vorher schon zu tun gehabt. Das hier war aber einmal eine ganz andere, tierfreundliche Art, Rennsport zu betreiben. Und es war endlich auch mal so, dass die Besitzer sogar zugehört haben und du nicht zwischen Trainer, Besitzer und Rennveranstalter aufgerieben wurdest.

Mein erster Ritt war der „Havellandkurier“, so um 1993/94, unter Blankys (Klaus Blankenburgs) Regie. Dessen Art hat mir sehr gut gefallen, dass er als Berater tätig war ...

ML: Gab es damals schon diese Spezifikation des Distanztierarztes?

WM Dubai

Martin Grell in seinem Element
Vet-Check für Stute Mourana

MARTIN GRELL: Die gab es. Nach ein-zwei Jahren bin ich dann auch auf die VDD-Liste gerutscht. „Zwischen Dahme, Nuthe und Notte“ war der erste Ritt, den ich allein betreut habe. Und danach ging es ziemlich schnell weiter: Kontakt zu Angelbecks, denen ich sehr viel verdanke, denn Klaus Angelbeck ist jemand, der eine sehr große Übersicht und ein gutes, gesundes Wissen besitzt.

Auf der Jahreshauptversammlung [des VDD] vor den Weltreiterspielen 2002 in Jerez wurde ich als zweiter Team-Tierarzt nach Lioba Wagner vorgeschlagen. Und in dieser Rolle als Zweiter habe ich mich sehr wohl gefühlt, weil ich beobachten und lernen konnte, ohne die volle Verantwortung zu tragen.

ML: Du warst dann auch unten in Jerez mit dem Team?

MARTIN GRELL: Das war mein erstes Championat.

ML: Gut, ich denke, das veterinärmedizinische Grundwissen hat man, aber es geht ja um ganz andere Geschichten ...

MARTIN GRELL: Es gab so zwei-drei Bereiche, wo ich erst einmal ziemlich entsetzt war. Zum einen existierten bis dahin keine regelmäßigen Frühjahrschecks für die Pferde. Das haben erst Lioba Wagner und ich ins Leben gerufen: den Frühjahrscheck, den inzwischen die Pferde der Jugendlichen wie alle anderen auch absolvieren müssen, mit dem Ziel, den Pferden im Vorfeld die Chance zu geben, beim Championat fit zu sein und nicht vier Wochen vorher Zipperlein zu kriegen. Das bekommt man dann nämlich nicht mehr hin.

Dann war es so, dass keine regelmäßigen Blutwerte genommen wurden, nur mal so Stichproben. – In Jerez haben wir das direkt nach dem Transport alle zwei Tage bis nach dem Ritt untersucht.

ML: Um darüber die Fitness der Pferde festzustellen?

MARTIN GRELL: Ja, und um mehr zu erfahren. Ich war einfach neugierig und wollte versuchen, wenn ich das mache, es möglichst ordentlich zu tun und mir mehr Wissen anzueignen. Und wir haben damals einige spannende Ergebnisse erhalten: Dass zum Beispiel Kalzium, was in keiner Elektrolytmischung von vornherein enthalten ist, während des Rennens massiv verbraucht wird, also der Kalziumspiegel im Blut drastisch sinkt. Das heißt, wenn ich nicht mit einem optimalen Kalziumwert starte, komme ich nach 160 km in Schwierigkeiten. Denn dass Kalziummangel Herzprobleme, Muskelkrämpfe, Zwerchfellflattern und so weiter auslöst, ist bekannt. Die Frage war dann aber: Wo geht das Kalzium hin? Im Schweiß ist es nicht, das wurde ja gemessen, daher wurde es den Elektrolyten nicht zugesetzt. – Ich bin damals also zu Prof. Hartmann, dem Patho-Physiologen an der Humboldt-Uni – dem einzigen Veterinär-Patho-Physiologen Deutschlands überhaupt – gegangen und hab ihn danach gefragt. Und er sagte: Ja, überleg mal. Die Durchblutung im gesamten Körper wird gesteigert, also auch in den Knochen. Das Kalzium wird während des Rennens aktiv in die Knochen eingelagert, und je länger der Prozess dauert, desto mehr verschwindet aus dem Blut.

Das war bis dahin nicht bekannt und wir haben darauf reagiert. Denn es gab da bei uns ein Pferd, das nach den Rennen keine messbaren Muskelwerte mehr hatte. Wir haben im Vorfeld aus den Apotheken alle Kalziumtabletten aufgekauft, derer wir habhaft werden konnten, und sie in das Pferd reingestopft, und das hat auch funktioniert. Damals in Spanien haben wir es damit das erste und einzige Mal bei einer Weltmeisterschaft geschafft, dass alle sechs Pferde aus einem Team ins Ziel kamen und in der Wertung blieben. Das hat es davor und danach nicht gegeben.

ML: Womit sich die Vorarbeit der Tierärzte dann auch bewährt hatte. Das heißt, daraus ist zunächst ja etwas ganz Konstruktives und Positives gewachsen.

EM Punchestown

Dr. Juliette Mallison und Martin Grell
bei der EM 2004 in Punchestown
(Foto: Maike Grell)

MARTIN GRELL: Genau. Dann kamen 2004 die Europameisterschaften in Punchestown, wo Lioba Wagner auch dabei war. Das war eigentlich sehr schön, obwohl uns leider im letzten Gate die Mannschaftswertung geplatzt ist, sonst wären wir dort auch auf Silber gewesen. Doch das war ein reines Beschlagsproblem. Eigentlich hatte ich gedacht: Als Tierarzt brauchst du dich um den Beschlag nicht zu kümmern, weil genügend Fachleute dabei sind.

Bei den Deutschen hatten vier von sechs Pferden Plastik-Beschläge. Die sind auf dem nassen Gras, den nassen Hängen gerutscht, haben sich die Muskeln gezerrt und das war’s dann. – Wer zum Beispiel richtig reagiert hat, war Bernhard Dornsiepen, der hatte Stollen unter seinem Pony und ist damit Sechster geworden.

Dann gab es Stress zwischen Lioba Wagner und dem DOKR, sodass sie zurückgetreten ist. Sie hat eine Einzelpraxis, und wenn sie nicht da war, lief das Geschäft nicht. Das ist auf die Dauer, wenn du zwei Wochen oder länger weg bist, nicht tragbar. Dagegen habe ich im Hintergrund zum Glück Assistenten, die mir den Rücken freihalten, sodass ich herumreisen kann. – Also, Lioba Wagner trat zurück, und ich bin dadurch nach vorn gerutscht.

ML: Aber du hast den Job auch gern übernommen?

MARTIN GRELL: Ja, ich habe es gerne angenommen; ich hatte aber als Bedingung gestellt, dass die Reiter auf dem Aktiven-Treffen, was dann folgte, ihre Meinung dazu sagen sollten. Ich wollte wissen: Wie ist die Akzeptanz? – Die war damals etwas über neunzig Prozent. Und da habe ich gesagt: Gut, dann mache ich es auch.

Und jetzt, zum Schluss, bevor ich aufgehört habe, gab es noch mal eine Umfrage, und da lag ich immer noch bei über achtzig Prozent Zustimmung.

ML: Und dann ging es schnurstracks weiter in Richtung Weltreiterspiele in Aachen?

WM Dubai

Teambesprechung
Dubai 2005
(Foto: Maike Grell)

MARTIN GRELL: Nein, davor kam 2005 Dubai. Und das war ein Desaster. Juliette Mallison und ich hatten im Vorfeld, im Dezember, eine Rundreise gemacht und uns alle Kaderpferde angeguckt, die infrage kamen. Ich hatte durchweg bei allen gesagt, dass eine Zahnbehandlung dringend notwendig wäre und habe noch ein paar andere Hausaufgaben verteilt.

Da das DOKR [Deutsches Olympiade Komitee Reiten] und alle Beteiligten es nicht zahlen wollten, dass ich für vier Wochen vorher da runter fliege, hat Uschi Klingbeil mich in Dubai zunächst als Tierärztin vertreten. Es wäre wegen meiner Praxis auch nicht gegangen. Ich hatte aber angeboten, dass ich mit den Pferden fliege, gucke, wie die dort ankommen und das auffange. Dann wäre ich auf meine Kosten zurückgeflogen und kurz vorm Rennen wieder hin. Das wurde aber abgelehnt, es wäre nicht nötig, weil es dort genug gute Tierärzte gäbe. Was im Nachhinein ein Fehler war.

So kam ich dann vier Tage vorm Rennen da an, hatte in der Unterhaltung mit Uschi Klingbeil aber schon gehört: Das eine Pferd hatte sich beim Wälzen einen Riesen-Widerrist-Abzess geholt, das andere war mal lahm, mal nicht lahm und dann gab’s welche mit Atemwegsinfekten ... Ich wusste also schon beim Runterfliegen, dass maximal drei von den Sechsen im Ziel ankommen würden.

Das Pferd mit dem Widerrist-Abzess war drei Wochen lang nicht geritten worden, am Tag vorm Ritt dann das erste Mal wieder. Das Pferd, das mal lahm, mal nicht lahm war, hatte – offenbar noch aus Deutschland mitgebracht – einen alten Ballen-Abzess. Da bin ich schier an die Decke gegangen. Das Problem war: Wenn ich den Abzess wegschneide, ist die Gefahr eines Eckstrebenbruches groß, wenn ich’s aber so lasse, drückt der Sand spätestens nach 60 Kilometern, und das Pferd ist auch raus. Also habe ich mich entschlossen, das trotzdem noch chirurgisch zu versorgen – ohne Betäubung ohne alles [da eine Anästhesie oder Sedierung so kurz vor dem Ritt als Doping gegolten hätte – Anm. d. Verf.] – und zu desinfizieren und hatte darum gebeten, dass ein Schlusseisen darauf kommt, damit kein Eckstrebenbruch passiert. Das ist aber leider nicht geschehen, und den Eckstrebenbruch gab es dann auch ... Das Pferd hat ein halbes bis dreiviertel Jahr danach ziemlich gelitten. Aber ich musste eben in der Situation entscheiden und konnte die Versäumnisse, die vier Wochen vorher gemacht worden waren, nicht in vier Tagen wieder aufholen.

ML: Da klingt jetzt aber schon an, dass deinerseits zwar Sachen erkannt und ausgesprochen werden, sich aber letztlich keiner danach richtet und jeder macht, was er will.

WM Dubai

Deutsche Pferde in der Crewing Area
Dubai 2005
(Foto:Maike Grell)

MARTIN GRELL: Und es kam noch viel härter, denn als ich unten war und musste ich feststellen, dass kein Einziger von den Sechsen die Zähne hatte machen lassen. – Ich rate ja solche Dinge nicht, weil ich denke, ich weiß irgendwas so viel besser, sondern weil ich versuche, vorherzusehen was passiert. Und ich wusste, dass da ein-zwei Pferde Probleme haben würden. Da gab es einen großen Braunen, ein Warmblut-Kaliber, der sich massiv aufs Gebiss gelegt hat. Und wenn ein Hufschmied nach 30 Kilometern Reiten blutige Hände hat, sagt das wohl genug ... Das war bei dem Pferd auch der Grund, weshalb es ausgefallen ist, weil es sich auf den ersten 60 Kilometern völlig verpullt hat.

Dann das Pferd mit den Lungenproblemen – das war auch eine heiße Kiste: Die unterste Schicht der Maisflocken, die es dort zu kaufen gab, die lebte nämlich. Das waren Käfer. Und der Kot von den Insekten war hoch toxisch, das Pferd hat darauf allergisch reagiert.

Das sind Dinge, an die man hier überhaupt nicht denkt.

ML: Was war das Ende vom Lied in Dubai?

MARTIN GRELL: Das Resultat war, dass ein Pferd von den Sechsen durchkam.

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letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 mail Martin Grell ruft an! ring vom 9. August 2009