
ML:
Und nun ging es endlich gen Aachen.
MARTIN GRELL:
Ein Riesenmanko in Dubai war gewesen, dass wir damals noch keinen Bundestrainer hatten. Das wurde jetzt anders angegangen mit Bernhard als Verstärkung.
ML:
Das ist vom DOKR ausgegangen, dass Bernhard Dornsiepen berufen wurde – mit dem Gedanken, wir fangen jetzt neu an mit Bundestrainer und allem Drumherum und gewinnen die Weltmeisterschaft?
MARTIN GRELL:
Es war für Aachen auch einfach mehr Geld da. Ursprünglich hätten die Deutschen ja die Chance gehabt, mit der doppelten Anzahl Starter anzutreten.
ML:
Woran ist das gescheitert?
MARTIN GRELL:
Am mangelnden Durchsetzungsvermögen des DOKR ...
ML:
... gegenüber der FEI [Fédération Equestre Internationale]?

MARTIN GRELL:
... gegenüber dem Verein in Aachen. Der Aachen Laurensberger Rennverein hatte von vornherein gesagt, dass sie die ersten und einzigen sein werden, die mit den Weltreiterspielen Geld verdienen, und dazu ist es notwendig, die Starterfelder so zu dezimieren, dass das dann halt passt. Und die nicht-olympischen Disziplinen waren sowieso lediglich geduldet, da führte kein Weg rein. Deshalb hatten wir nicht mehr Starter als die anderen. – In diesem Jahr, bei den Europameisterschaften in Portugal, stellen die Portugiesen die doppelte Starterzahl. Es geht also.
Wir hatten aber daher schon zwei Tierärzte vorgesehen, denn auf einem solchen Ritt allein zwölf oder auch zehn Pferde zu betreuen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb haben wir Klaus Kimmich dazugeholt.
ML:
Das deutsche Team war also in Aachen dann geschlossen als Mannschaft vertreten?
MARTIN GRELL:
Es gab da wirklich einen Teamfindungsprozess, dadurch, dass wir uns alle sechs bis acht Wochen getroffen und zusammen trainiert und die Pferde gecheckt haben. Es war zwar allen klar, dass aus Zwölfen dann Sechs werden würden oder zum Schluss auch nur Fünf. Aber der Weg war für alle gut nachvollziehbar und dadurch, dass wir offen darüber gesprochen haben, gab es wenig Hudelei.
ML:
Mit anderen Worten: Auf diesem Weg waren alle mit dabei ohne Gemotze oder Eigenbrödlerei.
MARTIN GRELL:
Ja. Das hat sehr gut funktioniert. Zum ersten Mal eigentlich, muss man sagen. Und die, die wir dann zum Schluss ausgewählt haben, haben das dann auch bestätigt.
ML:
Ja?
MARTIN GRELL:
Bis auf wieder einmal die Nichtbefolgung von Anordnungen.
ML:
Was diesmal aber nicht so fatale Folgen hatte wie in Dubai?
MARTIN GRELL:
Nun ja, wenn das schnellste deutsche Pferd wegen Lahmheit ausfällt, weil es im Endeffekt nicht den Beschlag gehabt hat, den der Bundestrainer und der Hufschmied angeordnet hatten ...
ML:
... und das war’s dann wirklich?
MARTIN GRELL:
... das war’s. Denn ohne eine Platte, ohne einen Schutz tappte man dann auf der Belgien-Runde ganz schnell auf einen dicken Stein und das drückte in die Sohle. Das Pferd war eine Viertelstunde später wieder lahmfrei, aber da war es zu spät.
ML:
Warum wurden solche Anweisungen nicht befolgt? Wurde das nicht für nötig gehalten oder dünkte man sich schlauer?

Die Teams aus Frankreich, der Schweiz und Portugal
lagen in Aachen vor den Deutschen
MARTIN GRELL:
Ich glaube, das ist teilweise schon eine Prinzipienfrage. Der Wunsch nach Extrawurst ist möglicherweise größer als die logische Einsicht. Aber – und das ist ja dann auch so eine Sache – es hatte im Endeffekt auch nie wirkliche Konsequenzen.
ML:
... außer dass man rausfliegt, und das wird dann aber nicht darauf zurückgeführt?
MARTIN GRELL:
Ja, obwohl es uns in dem Fall die Medaille gekostet hat, denn wir waren ja nur dreizehn Minuten hinter der Bronzemedaille hinterher.
ML:
Das lag aber wohl auch daran, dass die Technik ausgefallen ist, denn wenn man gewusst hätte, wie dicht man dran war, an der nächsten Mannschaft, dann ...
MARTIN GRELL:
Das war ein Management-Fehler. Auf allen anderen Championaten haben wir zu jeder Zeit, ohne elektronisches Zeitnahme-System, gewusst, wo wir waren. An Aachen hat man sich auf die Technik verlassen ...
ML:
... ohne Netz und doppelten Boden.
MARTIN GRELL:
Das war das Problem. Aber – klar, sagen die Leute jetzt, wir hätten das rausreiten können – ich sehe das schon ein bisschen differenzierter, denn der Boden wurde tiefer und schwerer durch den Regen gegen Ende des Rittes, die Pferde wurden müder, die Gefahr, sich dann doch noch irgendetwas zu tun, wäre extremer geworden. Und ein Pferd hat auch noch auf dem letzten Loop ein Eisen verloren. Dass das dann mit entsprechendem Management im Ziel lahmfrei durch die Nachuntersuchung gegangen ist, das war schon gut.
Und wir hatten ein anderes Pferd dabei, das ins letzte Vet-Gate kam und tickerte. Da war Thomas mit der Thermografie meine Rettung. Ich konnte zwar eine Wärme fühlen, konnte aber nicht entscheiden, was es ist. Aber im Thermobild sah man eindeutig, dass es zwei Druckpunkte von der Gamasche waren. Wir haben das dann bis zur Tierarzt-Vorstellung mit Eis gekühlt, damit war das Ding gegessen, und das Pferd ist auf dem letzten Loop und in der Nachuntersuchung lahmfrei gewesen.
Das sind Dinge, wo wir Vieles neu und anders gemacht haben: Wir hatten eine Tierärztin zur Akupunktur dabei, dann eben Thomas Zimmermann mit der Thermografie, insofern war
das Team in Aachen optimal besetzt.
ML:
Demnach war Aachen letzten Endes ein Erfolg, für die Mannschaft, für die Team-Tierärzte ...
MARTIN GRELL:
Die Tätigkeit auf solch einem Championat besteht überwiegend aus Abwarten und Beraten und auch ein bisschen Psychologe sein, um die Leute bei Laune zu halten. – Ich hatte das Glück, einen Professor gehabt zu haben, der immer sagte: Ein Tierarzt muss stehen wie ein Fels in der Brandung; je mehr das Leben tobt oder auch das Blut fließt, desto ruhiger muss der werden. – Das ist die Maxime, nach der ich versuche zu arbeiten – das heißt, in dem Moment, wo es anfängt, hektisch zu werden, selbst innerlich einen Gang herunterzuschalten, um schnell, effektiv und präzise zu sein, denn nur dann kannst du helfen.
ML:
Trotzdem hat die Konstellation des Teams mit dir als Tierarzt so nicht gehalten.
MARTIN GRELL:
Es ging noch schneller, denn Klaus Kimmich ist direkt nach Aachen ausgestiegen.
ML:
Ging selbst oder ist er gegangen worden?
MARTIN GRELL:
Er ging selbst.
ML:
Und damit warst du wieder auf einsamem Posten.
MARTIN GRELL:
Das funktionierte auch gut bis zu diesem Frühjahr. Aber dann geschahen so ein paar Dinge ... Zum einen gab es für dieses Jahr plötzlich nur noch halb so viel Geld.
ML:
War das eine Entscheidung des DOKR?

Bernhard Dornsiepen und Nico
EM in Punchestown 2004
(Foto: Maike Grell)
MARTIN GRELL:
Mehrerer Seiten. Am schlimmsten hat sich da der VDD verhalten, von den zugesagten 10.000 Euro sind es gerade mal 4.000 geworden, was dann dazu geführt hat, dass der Bundestrainer nur noch die Hälfte bekommen sollte. – Und das war das erste Mal, wo ich Tacheles geredet und gesagt habe: Bernhard, wenn es dir hilft, würde ich mit zurücktreten, denn so kann es nicht funktionieren. Du hast letztes Jahr einen guten Job gemacht, und die Arbeitszeit, die dir als Selbstständiger entfällt, müssen sie dir schon irgendwie vergüten.
ML:
Aber so weit seid ihr nicht gegangen?
MARTIN GRELL:
Nein, Bernhard Dornsiepen hat eingelenkt und trotzdem weiter gemacht.
Das nächste war dann der [internationale] Ritt in Fischerhude. Da war ich Cheftierarzt und hatte in dieser Funktion natürlich einen anderen Job zu machen als ein Team-Tierarzt, nämlich auch Extrawürste zu unterbinden. Wenn ich das ernst nehme, muss ich es genauso gewissenhaft tun wie alles andere. Und damit bin ich dort ziemlich angeeckt. Daraus resultierte dann unter anderem ein Misstrauensantrag von zwei Kaderreiterinnen ...
ML:
... die sich von dir als Team-Tierarzt nicht genügend unterstützt sahen?
MARTIN GRELL:
... die ihrerseits auch Bilanz gezogen hatten und nachweisen wollten, was alles schief gelaufen war. Das waren aber Dinge, die ich mir beim besten Willen nicht vorwerfen lassen konnte.
ML:
Der schwarze Peter also?
MARTIN GRELL:
Weil ich nicht bereit war, irgendwelche Ausnahmen zuzulassen und das auch deutlich formuliert habe und daher bestimmte Leute nicht so weitermachen konnten, wie sie es die ganzen letzten zehn Jahre lang gewohnt waren.
ML:
Nun war das ein Misstrauensantrag von nur zwei Reitern. Vorhin hast du gesagt, dass du auch jetzt zum Schluss noch einen Großteil der Reiter, nämlich 80 Prozent, auf deiner Seite hattest? Warum hat dich das dennoch veranlasst, die ganze Sache hinzuschmeißen?
MARTIN GRELL:
Ich habe sie nicht hingeschmissen, sondern daraufhin ist Folgendes passiert: Das DOKR hat eine Beiratssitzung einberufen. Und das war der Punkt, wo ich gedacht habe: das ist nicht nur ungeschickt, sondern auch unverhältnismäßig.
Nur als Beispiel: Letztes Jahr gab es ebenfalls zwei Reiter, die der Meinung waren, dass sie nicht gerecht behandelt wurden. Die haben ihre Pferde dann [in Aachen] für andere Nationen gestartet und sind damit auch sehr gut durchgekommen. Die hatten beschlossen: Wir treten für dieses Jahr aus dem Kader aus, machen unser Ding, und nächstes Jahr ist wieder ein neues Spiel. – Das ist die Reaktion, die einem Reiter zusteht, wenn er mit der Mannschaftsführung oder mit irgendwelchen Entscheidungen nicht einverstanden ist.
Was jetzt hier gemacht wurde, war, die Mannschaftsführung, die demokratisch vom Disziplinbeirat gewählt worden war, durch so einen Misstrauensschrieb – ebenfalls nur von zwei Reitern – auseinander zu dividieren. Ich hätte es gut gefunden, wenn sich diese beiden Reiter mit dem Bundestrainer, dem Equipechef und einem Vertreter des DOKR zu einem Gespräch getroffen und die Sache so aus der Welt geschafft hätten. Dadurch, dass aber der Beirat einberufen wurde, bekam dieser Misstrauensantrag einen ganz anderen Stellenwert. Gleichzeitig sollte das Ganze geheim gehalten werden, was ich nicht nachvollziehen konnte, das heißt, die anderen Kaderreiter sollten davon zunächst nichts wissen.
ML:
So als Außenstehende würde ich sagen, das klingt aber sehr nach Durchstecherei.
MARTIN GRELL:
Als Insider auch.
Dann ging es hin und her. Ich habe sechs sehr unangenehme Wochen lang überlegt: Wo liegt deine Verantwortung? Liegt sie bei den achtzehn Reitern, die hinter dir stehen oder liegt sie bei den zweien, die nicht hinter dir stehen? Und ich war doch zumindest drei Wochen lang der vollen Überzeugung, dass ich den Job nicht aus der Hand geben möchte, weil mir die anderen ja vertrauen.
ML:
Aber?
MARTIN GRELL:
Dann kam der Ritt in Luxemburg. Dort hat meine Frau eine ausländische Reiterin getrosst und sie wurde von der Reiterfamilie, die diesen Misstrauensantrag gestellt hat, nicht einmal mehr gegrüßt. Das war wie Sippenhaft. Und da kam mir die Frage: Wie wirkt sich ein solches Klima auf die Dauer für den Rest der Mannschaft aus?

Treating Vet in Kreuth, August 2007
Darüber hinaus wurde bekannt, dass – entgegen meinen Anweisungen – den Pferden auf dem Championat eben möglicherweise doch Medikamente verabreicht worden waren, wofür ich den Kopf hätte hinhalten müssen, wenn es rausgekommen wäre.
Und das waren die zwei Punkte, die mich dazu gebracht haben zu sagen: Team-Tierarzt ja, aber mit den Zweien, die diesen Misstrauensantrag gestellt haben: nein.
ML:
Aber das Team wäre ohne die Zwei nicht denkbar?
MARTIN GRELL:
Ich habe ans DOKR geschrieben, dass ich wie folgt verfahre: Wenn der Disziplinbeirat der Meinung wäre, dass er zukünftige Medaillenchancen ohne diese zwei Reiterinnen so stark gemindert sieht, dass demgegenüber der Verlust des Team-Tierarztes weniger wiegt, wäre ich bereit zurückzutreten.
ML:
Und letzten Endes lief es auf diese Entscheidung hinaus?
MARTIN GRELL:
Genau darauf ist es hinausgelaufen.
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| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |