
ML:
Meines Erachtens besteht derzeit die Tendenz, dass sich ein gewisser Spitzenbereich im Leistungssport deutlich vom Breitensport abgrenzt.
MARTIN GRELL:
Das sehe ich inzwischen auch so. Ich denke aber, es ist genau, wie in den anderen Pferdesportdisziplinen: Wir müssen im Breitensport hingucken, wer sich für den Spitzensport eignen könnte und diese Leute gezielt fördern.
In Frankreich ist es beispielsweise üblich, dass der beste Reiter eben das beste Pferd bekommt, damit ein optimales Ergebnis erzielt werden kann. Wenn wir das in Deutschland anfangen wollten, wären keine Pferde mehr im Kader.
ML:
Bei der Deutschen Meisterschaft 2007 gab es herbe Kritik, nicht nur an der Veranstaltung selbst, sondern am Distanzreiten als Leistungssport überhaupt.
Klaus Kimmich warf den Begriff „Championatssyndrom“ in die Debatte – dass bestimmte Dinge aus solch einem Anlass aufgebauscht werden, Emotionen sich hochschaukeln, man aber letztlich irgendwann wieder einen etwas rationalen Blick darauf bekommen wird?
MARTIN GRELL:
Das mit Sicherheit. Ich denke, da kam einfach eine Reihe von Faktoren zusammen. Zum Teil sind von der Organisation her Dinge unverschuldet schief gelaufen – wie das mit dem [zu spät gelieferten und unzureichenden] Stallzelt –, die die Stimmung verschlechtert haben.
ML:
Das Wetter ist auch schief gelaufen.
MARTIN GRELL:
Das Wetter ist enorm schief gelaufen, obwohl es angedroht war ...
ML:
... das war also nichts Unvorhersehbares.

Deutsche Jugendmeisterin 2007
Annette Schwartze mit Al Julimah
MARTIN GRELL:
Was aber unterschätzt wurde, war, dass eine entsprechende Hitze das Hirn aller Beteiligten weich kocht. Ein emotional dermaßen aufgeheiztes Wochenende habe ich noch nicht erlebt. Es war in der Tat augenscheinlich, dass Leute, die normalerweise sehr ruhig und gelassen sind, auf einmal an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gelangten.
ML:
Aber ist es denn bei solchen Championaten nicht normal, dass es eine hohe Ausfallquote gibt, oder war das diesmal unverhältnismäßig?
MARTIN GRELL:
Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen. Das eine ist, dass bei einer dementsprechenden Wetterlage die Möglichkeit bestanden hätte, dem Reglement entsprechend die Pausen zu verlängern, Pulszeiten zu verkürzen ...
ML:
... den Puls herabzusetzen ...
MARTIN GRELL:
... etwas in der Richtung. Das wäre ein Versuch gewesen, den Druck herauszunehmen.
Das andere ist, dass ich gerade bei den Jugendlichen zum Teil gesehen habe, dass die Eltern, wie in anderen Sportarten auch, von ihren Kindern Leistung sehen wollten, ohne die Situation selbst zu überblicken und über das entsprechende Know-How zu verfügen.
ML:
War das denn nun ein Markenzeichen dieser Meisterschaft oder ist das bei jedem Championat ähnlich?
MARTIN GRELL:
Das ist auf jedem Championat so, nur haben die Witterungsbedingungen diesmal dazu geführt, dass die Auswirkungen dementsprechend waren.
ML:
Ist es in Göttingen demnach zu einer Kumulation von ungünstigen Einflüssen gekommen?
MARTIN GRELL:
Das kann man so sagen. Wie bei einer Faktorenerkrankung, wo ich vier von fünf Sachen brauche, damit sie überhaupt ausbricht, waren hier wirklich fünf von fünf Faktoren gegeben.
ML:
Du warst ja nun Treating Vet, behandelnder Arzt, hattest also keinen Einfluss auf die Richterentscheidung der Tierarztkommission. Was hast du in dieser Position überhaupt in der Hand? Du kannst doch so lange nichts unternehmen, wie die Pferde nicht bei dir landen, und das passiert erst in dem Augenblick, wenn sie schon aus dem Wettkampf ausgeschieden sind. Demnach bleibt dir zunächst nichts anderes übrig, als mit den Teilnehmern zu reden und mehr oder weniger private Ratschläge zu verteilen.
MARTIN GRELL:
Das ist tatsächlich auch in den kurzen Zeiten, wo ich mal nicht am Behandeln war, passiert, dass die Leute mich beim Durchgehen angesprochen haben: Mensch, guck mal , der atmet so komisch oder irgendwas anderes ... Man steht da durchaus beratend zur Seite. Und das hilft oftmals schon.
ML:
Du hast dir also in deiner Eigenschaft als Treating Vet in der Tat auch die Pferde in den Paddocks angesehen?
MARTIN GRELL:
Natürlich. Gerade am Samstag standen ja viele Pferde, die am Vortag [bei der DM der Senioren] gelaufen waren, ganz alleine da, weil die Jugendlichen im Wettkampf waren.
ML:
Im Nachhinein wird diskutiert, ob man eine Deutsche Meisterschaft vielleicht nicht nach internationalem, sondern nach nationalem Reglement ablaufen lassen sollte.
MARTIN GRELL:
Da kommen wir auf ein schwieriges, aber wichtiges Thema, weil es einfach zwei grundverschiedene Ansätze gibt beim nationalen und beim internationalen Reglement. Nach nationalem Reglement soll das Pferd am nächsten Tag unbeschadet 20 Kilometer gehen können. Das ist im internationalen Reglement nicht Bedingung.
ML:
Warum ist das so? Geht es international wirklich nur darum, die Höchstleitung aus dem Pferd herauszuholen, ohne Rücksicht auf Verluste.

Check für Ramadan im Paddock
Kreuth 2007
MARTIN GRELL:
Auch wenn ich mit dieser Aussage wieder anecke: Es ist tatsächlich so, dass im internationalen Wettbewerb – ähnlich wie im Springen oder in anderen Disziplinen – an die Grenzen des Möglichen herangegangen wird. Und dabei werden stärkere Schäden in Kauf genommen.
Man kann [als Veranstalter] aber nur entweder das eine oder das andere tun. Letztlich wurden die Meisterschaften international ausgeschrieben, weil sie für andere große Ritte als Qualifikation dienen, und weil natürlich auch viele Nationen zu uns stoßen sollen – zehn waren es, glaube ich, diesmal. Da kann man sich natürlich ganz anders vergleichen.
Aber nach internationalem Reglement darf eben lediglich zwei Stunden nach dem Ritt nicht behandelt werden und danach heißt es: Macht, was ihr wollt. Das ist eine Sache, die vom Tierschutzgedanken her sicherlich von der FEI überdacht werden sollte.
In dem Moment, wenn du aber in der Verantwortung stehst – entweder in der Vetkommission oder als Treating Vet – bist du auch durch die Ground Jury verpflichtet, dich innerhalb des vorgegebenen gesetzlichen Rahmens zu bewegen. Das geht nicht anders. Du kannst nicht sagen: Ich würde jetzt lieber nach dem nationalen Reglement richten, und danach könnte dieses Pferd morgen keine zwanzig Kilometer mehr gehen. – Dass das von der Ethik oder der Fairness dem Tier gegenüber nicht optimal ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
ML:
Aber du hast als Treating Vet jederzeit die Entscheidungsgewalt zu sagen, dieses oder jenes Pferd sieht anderthalb Stunden nach dem Ritt so schlecht aus, dass wir keine halbe Stunde länger mit der Behandlung warten werden?
MARTIN GRELL:
Natürlich. Ein Pferd kam beispielsweise kurz vor Ablauf der Frist zu uns. Dass es da im Vorfeld im Stallzelt Verzögerungen gegeben haben soll, kenne ich nur vom Hörensagen – ich war schließlich im Behandlungstrakt und kann nur über den Teil sprechen, der dort abgelaufen ist. Der Trainer sagte zu uns beim Hereinkommen: Untersucht das Pferd und nehmt bitte auch eine Blutprobe; und wenn ihr der Meinung seid, ihr müsst behandeln, ist das eure Sache. – Er hat also in dem Moment die Entscheidung abgegeben.
Die Blutanalyse hat 20 Minuten gebraucht. In der Zeit war das Pferd ruhig. Anscheinend hatte ihm auch der Spaziergang vom heißen, stickigen Stallzelt zu unseren Boxen an der Reithalle, wo es doch etwas kühler war, ganz gut getan. Außerdem hatte ich es auch schon vorher in Beobachtung gehabt; es war ja während der Doping-Probe eine halbe Stunde lang bei uns gewesen; und da war mir nichts aufgefallen.
Die Blutanalyse ergab dann, dass eine Behandlung sinnvoll, aber nicht lebensnotwendig war. Das Pferd stand ruhig, wollte sich nicht hinlegen oder wälzen, stöhnte auch nicht vor Schmerz oder dergleichen. In so einem Fall ist es eine Abwägung aller Argumente, wann man behandelt.
ML:
Meines Erachtens, ist diese Zwei-Stunden-Frist trotzdem eine Zeitspanne, die man schon mal auf Biegen und Brechen herumbekommen kann, wenn man ein Pferd, obwohl es – sagen wir, mittlere metabolische Probleme hat – in der Wertung behalten will.
MARTIN GRELL:
Für den Tierarzt ist es ein Widerspruch im System, je nachdem, in welcher Position er auftritt. In Dubai habe ich damals mit dem deutschen Pferd, das letztlich durchgekommen ist, genau die zwei Stunden abgewartet, weil es mein Job als Team-Tierarzt war, dieses Pferd in die Wertung zu bekommen, und ich bin dafür gelobt worden. Aber im Vergleich zu der Situation in Göttingen habe ich mich dort unwohler gefühlt.
Ich träume davon, dass es die Möglichkeit gäbe, besser zu objektivieren. Dass man zum Beispiel sagen könnte, wenn die Muskelblutwerte einen bestimmten Bereich überschreiten oder mit einem Hämatokrit von 60 ist das Pferd raus. Dass es weniger Ermessenssache seitens der Tierärzte wäre, ob ein Pferd in der Wertung bleibt oder nicht, sondern dass es bessere Regeln gäbe, an die sich alle halten können.
Obwohl wir in Deutschland da schon sehr gut sind, besser als beispielsweise in Frankreich oder Belgien. Da habe ich Ritte erlebt, wo es überhaupt kein Labor gab. Und entsprechende Vorkehrungen an Zusatz-Medikamenten außer Infusionen waren auch nur spärlich getroffen worden. In dieser Hinsicht spielen wir inzwischen sogar eine Vorreiter-Rolle. In Aachen waren wir jedenfalls sehr gut ausgerüstet, aber da stand auch Juliette dahinter. Bei den Weltreiterspielen in Jerez war das leider nicht der Fall gewesen.
ML:
Du hast neulich die schöne Formulierung erfunden: Der Distanzritt als emotionaler Supergau. Den hatten wir dann also in Göttingen. Trotzdem gibt es Leute, die weiterhin Distanz reiten und auch freiwillig zu den Championaten fahren, und die müssen ja irgendeinen Grund dafür haben, dass sie das tun. Auch du wirst weiterhin als Tierarzt auf diesen Veranstaltungen sein. Was bewegt uns alle denn deiner Meinung nach, das immer wieder auf uns zu nehmen?
MARTIN GRELL:
Natürlich gibt es die Faszination und die Hochachtung vor den Leistungen, die das Tier für einen bringt, und die zu erbringen es in der Lage ist.
ML:
Sicher ist es auch so, dass negative Schlagzeilen, an denen die Gemüter sich entzünden, schnell hergenommen und verallgemeinert werden. Wie steht es mit den gegenteiligen Beispielen?

Reitergruppe bei der Zielankunft
Gut Sarnow 2007
MARTIN GRELL:
Nehmen wir den Ritt auf Gut Sarnow, da hatten wir auf siebzig Starter nur zwei Ausfälle, einen mit Muskelproblemen und einen mit Lahmheit. Und bei Letzerem hatte ich vorher schon angemahnt, man solle langsamer reiten, wonach man sich nicht gerichtet hat.
ML:
Das war ein Missouri-Foxtrotter, und da gab es einige Diskussion, wie ich mich erinnere.
MARTIN GRELL:
Mit Sicherheit ist eine Lahmheit bei einem Missouri-Foxtrotter schwieriger zu erkennen als bei anderen Pferden. Aber da kommen wir wieder zu dem Punkt: Objektivierbarkeit. In dem Fall haben wir zwei Dinge getan: zum einen einen Ridgeway [Pulsmessung vor und nach dem Vortraben], der gleich zwölf Schläge hochgegangen ist, das ist eine relativ sichere Methode, um Schmerzen festzustellen. Und Thomas Zimmermann hat Thermografie-Aufnahmen gemacht, noch bevor das Pferd losgetrabt ist, und er meinte: In dieser Minute hat das Pferd thermografisch ein absolutes Schmerz-Gesicht gezeigt – wie bei uns, wenn wir die Nase krausen und die Lippe hochziehen, wenn uns was wehtut.
Ich liebe es, wenn die Daten, die ich zur Verfügung habe, objektiv sind. Aus dem Grund benutze ich für Herzuntersuchungen ein Stethoskop, mit dem ich die Töne aufzeichnen und entsprechend speichern kann, um sie mir wieder anzuhören, denn man kann natürlich die Herztöne aller Patienten nicht so genau im Kopf behalten. Auch, das aufzuschreiben, ist wenig sinnvoll, man möchte es hören.

Thomas Zimmermann
bei Thermografieaufnahmen
Kreuth 2007
ML:
Wie objektiv sind die Daten aus der Thermografie?
MARTIN GRELL:
Die Daten eines Thermogramms können vergleichbar objektiv sein – wenn sie entsprechend gut aufgearbeitet sind, wenn also – beispielsweise in Kreuth – der Regen und alle möglichen Einflüsse herausgerechnet werden. Damit kann ich durchaus nachvollziehbare Befunde erheben.
ML:
Die Thermografie könnte in Zukunft ein sehr probates Mittel sein, um zu objektivieren.
MARTIN GRELL:
... und auch, um noch viel mehr zu erfahren. Ich denke, dass wir bei vielen Dingen da überhaupt erst an der Oberfläche gekratzt haben, um Informationen zu bekommen, mit denen wir dem Tier besser helfen können. Ich sehe mich ein bisschen als Vermittler – wie in der Formel 1, wo Bremsscheiben mit Luftlöchern entwickelt wurden, die man irgendwann auch in den Polo einbauen wird, weil sie sinnvoll sind. So ähnlich versuche ich, das Wissen, das wir im internationalen Sport gewinnen, auch den Reitern auf nationalen Ritten zur Verfügung zustellen.
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| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |