
ML: Welche Aufgaben siehst du in Zukunft für dich als Tierarzt im Distanzsport, nachdem du nicht mehr Team-Tierarzt der Nationalmannschaft bist?

Veronika Grell beim CEI-J-YR* /
Göttingen 2007 mit Hengst
Shakespeare von Heimke Thiel
MARTIN GRELL:
Manchmal fügen sich die Dinge. Meine Tochter Veronika ist jetzt im Bundesjugendkader, und da hätte es möglicherweise Interessenskonflikte gegeben, wenn ich im DOKR-Beirat säße.
Aber ich habe ein paar Dinge ins Rollen gebracht, an denen ich weiterforschen möchte, damit man als Treating Vet, also als behandelnder Tierarzt auf internationalen Ritten, im Zweifelsfall besser helfen kann, um eine Rittplanung oder ein Training besser aufbauen zu können und Zusammenhänge besser zu verstehen. Die Regelkreise zwischen den einzelnen Organen kennen wir zum großen Teil überhaupt erst oberflächlich. Beispielsweise kann ein Magengeschwür oder eine Magenschleimhautentzündung dazu führen, dass ein Pferd sowohl wegen Lahmheit als auch wegen Verschlag, Kolik oder Dehydration ausscheiden kann. Bei solchen Erkrankungen müssen wir nach den Ursachen forschen und nicht nur die Symptome behandeln, die dann beim Ritt auftreten.
Ich möchte mich gern intensiv mit dem Bereich der nichtinvasive Diagnostik befassen.
ML:
Also alle Verfahren, die nicht in den Körper eindringen wie Ultraschall, Thermografie, Phonokardiographie ...
MARTIN GRELL:
... natürlich auch Pulsmessungen. Wir haben angefangen, mit EKG zu reiten, um zu erfahren, welche unterschiedlichen Aussagen es zwischen dem EKG und der Herzfrequenz gibt. – Ich träume von einem intelligenten Sattelgurt, der den Trainingszustand komplett übermittelt, vielleicht sogar noch über Satellit oder Bluetooth: Hautwiderstand, Sauerstoffsättigung und so weiter. Man muss sehen, wie weit man das beim Pferd unter Belastungsbedingungen verwirklichen kann. Das wäre ein Forschungsziel für die nächsten fünf Jahre.
Außerdem möchte ich mich noch mehr um die Fortbildung anderer Tierärzte im Distanzsport kümmern.
ML:
Darauf zielt auch meine nächste Frage: Welches Forum willst du dir für Forschungsergebnisse schaffen? Wie soll so eine Weiterbildung vonstatten gehen?
MARTIN GRELL:
Bislang gibt es einmal im Jahr im Herbst kurz vor der VDD-Hauptversammlung eine Fortbildung, die die VDD-Präsidentin Dr. Juliette Mallison organisiert. Aber das ist auf die Dauer zu wenig. Und man muss Schwerpunkt-Themen finden, wie in diesem Jahr das Herz und beim nächsten Mal vielleicht Lahmheiten, sodass da gezielter geschult wird.
Bei Tierärzten, die einmal auf der VDD-Liste stehen, gibt es eigentlich keine Überprüfung mehr, ob das Wissen adäquat mitwächst. Da ist der Austausch noch nicht wirklich optimal.
ML:
Willst du da auf eine Supervision zusteuern?
MARTIN GRELL:
Ja, das ist eine Idee von mir, die auch in Richtung der Vorschläge der Strategiekommission [des VDD] geht. Bei diesem Modell würde bei den Ritten ab und an jemand dabei sitzen, der das ganze Geschehen einfach nur beobachtet und hinterher auswertet: Was wurde entschieden, gab es Entscheidungen, bei denen Tierärzte sich widersprochen haben? – Dass die Tierarztentscheidung unwiderruflich ist, ist richtig, denn das ist mit dem Richteramt des Tierarztes verbunden. Aber an der Objektivität kann man arbeiten.
ML:
Leider ist es ja bei nationalen Ritten nicht immer möglich entsprechend dem internationalen Reglement im Zweifelfall einen Dreierentscheid herbeizuführen, weil einfach nicht so viele Tierärzte vor Ort sind.

Tierärztliche Voruntersuchung
bei Achal-Tekkiner Puschkin
MARTIN GRELL:
Aber es wäre auf kleineren und nationalen Ritten eine Qualitätssteigerung, wenn sich die Tierärzte die Pferde bei der Voruntersuchung gemeinsam ansehen. Zum Beispiel ein Pferd, das vielleicht, weil es ein Gangpferd oder Traber ist, irgendwelche Gangunregelmäßigkeiten mitbringt, ohne dabei lahm zu gehen. Oder um Herzbesonderheiten festzustellen. Wenn alle Tierärzte diese Informationen schon vor dem Ritt haben, können sie während der Veranstaltung besser agieren.
ML:
Das gilt natürlich in gleichem Maße für die großen internationalen Veranstaltungen. Wir haben jetzt den CEI***-Ritt in Kreuth gehabt, wo du Treating Vet, also behandelnder Tierarzt, warst. Dort wurde die veterinärmedizinische Betreuung der Veranstaltung von mehreren Seiten gelobt.
MARTIN GRELL:
Dr. Yassine Miotemri, der Foreign Vet aus Tunesien, hat sich hinterher noch einmal bei mir bedankt. Das sei ein Standard gewesen, den er sich bei vielen anderen Ritten wünschen würde.
Er erzählte, dass er bei den afrikanischen Distanzmeisterschaften gestartet sei. Die hatten dort für die gesamte Veranstaltung 20 Liter Infusionslösung in Literflaschen und darüber hinaus nichts – in Kreuth waren vorsorglich 350 Liter bereitgestellt. Da er aber als Reiter dort war und nicht als Tierarzt, hatte er für sein eigenes Pferd einen Notfallkoffer dabei, damit wurden dann sämtliche Notfallbehandlungen durchgeführt, und für die Infusionen haben sie Mineralwasser genommen – und zwar welches mit Kohlensäure.
Und ich habe selbst erlebt, dass man auch in Frankreich eigentlich nichts außer Infusionen dabei hat, nicht einmal eine Hämatokrit-Zentrifuge. Da setzt Deutschland mittlerweile einen ganz anderen Standard.
ML:
Ich habe im Internet einen Artikel der amerikanischen Journalistin Merri Melde über Kreuth gefunden, den ich gern einmal zitieren möchte, um deine Meinung darüber zu hören:
„While the Germans have a history and foundation of show jumping and dressage, (where the money is), and therefore much international success in those disciplines, endurance has long been looked down on by those sports. In France it's the opposite, they've got the basis for endurance, and therefore much success in the sport, and not so much dressage and show jumping, but the French have made endurance work very well. Endurance in Germany is becoming a little more accepted now. – It's not all just about a bunch of yayhoo cowboys getting on horses and galloping all day long. - But it still has a ways to go to attract sponsorship and to produce the numbers of top riders and top horses.“
[Während die Deutschen im Springen und in der Dressur (wo das Geld ist) eine Geschichte und eine Basis haben, und daher in diesen Disziplinen international erfolgreich sind, wurde von diesen Sportarten lange Zeit auf das Distanzreiten herabgesehen. In Frankreich ist es das Gegenteil, dort gibt es eine Grundlage für den Distanzsport und daher auch viel Erfolg darin, dafür weniger im Springen und in der Dressur. Aber Distanzreiten funktioniert in Frankreich sehr gut. In Deutschland findet der Sport allmählich etwas bessere Akzeptanz. – Dass es sich nicht um einen Haufen krakeelender Cowboys handelt, die den lieben langen Tag auf ihren Pferden durch die Gegend galoppieren. – Aber es ist noch immer ein langer Weg, Sponsoren zu finden und eine Reihe von Top-Pferden und Top-Reitern hervorzubringen.]
Ist also jemand wie Ahmed Al Samarraie, der da in Kreuth mit einem relativ kleinen Verband wie dem ZSAA im Hintergrund eine dermaßen gelungene Veranstaltung ausrichtet, eher noch die positive Ausnahme in unserem Sport?

Französische, niederländische
und deutsche Reiter in Kreuth
MARTIN GRELL:
Was Ahmed in Kreuth wiederholt auf die Beine gestellt hat, kann man nur mit Hochachtung erwähnen, dieses Jahr sogar mit einem internationalen Mannschaftswettbewerb (CEIO). Es spricht für sich, dass 15 Nationen da waren.
Aber leider ist es in der Tat so, dass der Distanzsport in Deutschland massiv ausgebremst wird. Wenn man beispielsweise - wie in Aachen 2006 - von vornherein weiß, dass die Distanzreiter nicht in der gleichen Zeit im Ziel sein können wie 2005 in Dubai, weil es bei uns bergig und hügelig ist, man aber die Fernsehsendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von der Sendezeit her so legt, dass da mit Sicherheit noch keiner angekommen ist, und man dann die Sendung abbricht – das hätte bei solch einer Veranstaltung in anderen Ländern die Verantwortlichen den Kopf gekostet, nur beim deutschen Distanzsport nicht, weil es keinen interessiert.
Das kann man nun als peinlich ansehen; ich halte es mehr für Absicht. Und dass, obwohl wir im Weltmaßstab gerade dabei sind, am Springsport vorbei die Nummer 1 zu werden. Bei dem FEI-Kurs in Kreuth, an dem ich gerade teilgenommen habe, kursierten Listen von den Top-Veranstaltungen 2008, und da sind wir mit den Springreitern bereits auf gleicher Augenhöhe.
Wie war es denn bei der Vielseitigkeit? Diese Disziplin hat sich in den letzten vier bis fünf Jahren in Deutschland mächtig gemausert, weil sie vom DOKR plötzlich massiv mit Geld unterstützt wurde. Da wurde ein ganz neues Konzept entwickelt. Und wie in Aachen zu sehen war hat, hat das ja auch super gut funktioniert. Wenn wir nur ein Drittel von diesen Geldern zur Verfügung hätten, wären wir schon ganz woanders.
Mit unserem Pferdematerial liegen wir mit Sicherheit nicht sehr weit hinter der Weltspitze. Das kommt zurzeit nur etwas schräg rüber, da ein Teil der besten Pferde Ausländern zur Verfügung gestellt wird und zwar aus dem Grunde, weil man anders in Deutschland mit dem Distanzsport kein Geld verdienen kann. Wenn ich mein Pferd einem Japaner zur Verfügung stelle, habe ich im Endeffekt finanziell mehr davon, als wenn ich selber reite. Und solange das so ist, wird sich die Situation für die deutsche Nationalmannschaft nicht wesentlich bessern.
ML:
Da sind also Sponsoren gefragt, die leider immer erst dann kommen, wenn Erfolge sich einstellen ...
MARTIN GRELL:
Man kann schon einiges machen. Ich selbst habe zum Beispiel der deutschen Mannschaft für die Europameisterschaft jetzt in Portugal ein Laser-Magnetfeld-Therapiegerät zur Verfügung gestellt, was laut FEI-Reglement auch während des Wettkampfes verwendet werden darf. Das ist eben mein kleiner Beitrag, aber auch Kleinigkeiten können sich summieren.

Sian Griffiths mit Piove bei der
Deutschen Meisterschaft 2007
Hier muss man auch Sian Griffiths erwähnen, die als löbliche Ausnahme zwei ihrer Spitzenpferde für den Jugendkader zur Verfügung gestellt hat [Piove für Veronika Grell und Siddhi du Vivarais für Rahel Lewin]. Natürlich gibt es noch andere Besitzer mehrer qualifizierter Pferde, die diese Möglichkeit auch hätten, sie aber aus Egoismus nicht nutzen.
ML:
In einem Förderzentrum wie dem Distanzreitzentrum von Sian Griffiths liegt sicherlich ein guter Ansatz, um eine Verbindung zwischen Breitensport und Spitzensport herzustellen und Animositäten oder Berührungsängste abzubauen, die unnötig und wenig hilfreich sind.
MARTIN GRELL:
Zum Beispiel ist Bernhard Dornsiepen mit Nico als Vorbereitung auf Punchestown in Stuck gestartet und hat sich da nahtlos ins Teilnehmerfeld eingefügt. Viele holländische Nationalkader kommen inzwischen zu kleineren Ritten nach Deutschland, weil hier die tierärztliche Betreuung einfach besser ist. Da tut sich also auch etwas an der Qualität im Breitensport.
Und was den Spitzensport betrifft: Das Starterfeld in Kreuth war absolut europäischer Maßstab, da muss man nicht mehr ins Ausland reisen, um Vergleichbares zu erleben. Auslandsstarts sind nur insofern wichtig, um andere Gegebenheiten kennen zu lernen und die Pferde an längere Reisen zu gewöhnen; auch das muss ja alles geübt werden. Aber so ist es eben: Die Möglichkeit, gesund und fit anzukommen, besteht nur, wenn in dem Mosaik jedes Steinchen an seinem Platz ist.
ML:
Dabei sollte man aber auch das Mosaiksteinchen Reiter nicht vergessen, denn da bestehen zum Teil große Niveauunterschiede.
MARTIN GRELL:
Absolut. Deshalb hat auch der neue Team-Tierarzt schon gesagt, dass jeder Kaderreiter zumindest unfallfrei durch eine A-Dressur kommen sollte. Und was außerdem hinzukommt, was Thomas Zimmermann auch mit der Wärmebildkamera bei den Jugendreitern - und nicht nur denen aus Deutschland – gesehen hat: Dass viele Konditionsprobleme haben und ihr Pferd nach 100 km nicht mehr unterstützen können.
ML:
Sicherlich würde es Sinn machen, bei den Kaderreitern ein gewisses reiterliches Niveau abzufragen, dafür bieten sich die Lehrgänge ja an. Und wenn das eigene Pferd keine E-Dressur geht, muss man sich eben mal auf ein Schulpferd setzen und die Prüfungen damit reiten.
MARTIN GRELL:
Bei der Marine (!) früher, auch in Deutschland, mussten alle Offiziere mindestens bis L-Dressur reiten, mit der Begründung: Um das zu können, muss man über eine gewisse Selbstdisziplin verfügen. Und das war die Versicherung für die einfachen Rekruten, für diejenigen, die da in den unteren Diensträngen auf den Schiffen waren, dass mit ihnen nicht zu viel Schindluder getrieben wurde.
ML:
Zum Schluss vielleicht ein Wort zu deiner neuen Aufgabe im griechischen Team. Du wirst das Pferd der griechischen Reiterin jetzt ja auch zu den Europa-Meisterschaften nach Portugal begleiten.
MARTIN GRELL:
Es war zu erwarten, dass andere sich einklinken würden, sobald ich frei werde. Ich kenne die griechische Reiterin sehr gut und habe sie schon in Dubai beraten, daher ist das ein fließender Übergang und ich freue mich darauf.
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| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |