

Martin Grell als VDD-Tierarzt
bei einem Distanzritt in Brandenburg
ML:
Allem voran: Du hattest bezüglich des vorhergehenden Textes um eine Richtigstellung gebeten. Und zwar ging es um das Pferd, das in Dubai den Eckstrebenbruch erlitt, weil kein Schlusseisen aufgenagelt wurde.
MARTIN GRELL:
Ja, es war nicht so, dass der Schmied Nils Muche das nicht auch gemacht hätte. Aber es gab dort nur die Möglichkeit, kalt zu beschlagen, und ein Schlusseisen hätte er schmieden müssen.
ML:
Demnach war es nicht das Versäumnis des deutschen Schmiedes, sondern den eingeschränkten technischen Möglichkeiten geschuldet, was da passiert ist.
MARTIN GRELL:
So war es. Wenn man bedenkt, dass Nils Muche zum Beispiel in Jerez mehrere Pferde mitten im Rennen komplett umbeschlagen hat. Und keines davon lahmte! Das muss man einmal vergleichen mit den Arbeiten, die man so von zu Hause gewöhnt ist!
Ähnliches gilt für die Physiotherapeutin oder die Akupunkteurin, die die deutsche Mannschaft begleiten, das sind alles hoch qualifizierte Spezialisten.
Ich denke, dass ein Pferd, das eine derartige Leistung bringen soll, es auch verdient hat, dementsprechend versorgt zu werden.
ML:
Womit wir gleich beim Thema sind. Es wurden Stimmen laut, die kritisierten, dass für nur drei Reiter gleich sieben Offizielle mit zu den Europameisterschaften nach Portugal gefahren sind.
MARTIN GRELL:
Ja, ein Schmied, ein Tierarzt, eine Physiotherapeutin, eine Akupunkteurin, Trainer, Co-Trainer und Equipechef. Aber in dieser Leistungsklasse geht es nun einmal darum, den Pferden das Optimum an Versorgung zu bieten.
Und um das noch einmal auch für die Leute zu sagen, die nicht so intensiv mit dem Distanzreiten zu tun haben: Das ist ja der Reiz daran - ein Team-Spiel zu spielen, wobei der kleinste Fehler, das schwächste Glied in der Kette entscheidet, ob das Ganze zum Erfolg führt oder nicht. Wo es darum geht, das Pferd über eine wahnsinnig lange Zeit, nämlich über acht bis zwölf Stunden hinweg, optimal vorzustellen.
ML:
Und um das zu toppen, versucht man das dann noch mit den Pferden einer ganzen Mannschaft hinzukriegen.
MARTIN GRELL:
Ja, und als Lioba Wagner – vor allem Lioba – und ich das deutsche Team bei den Weltreiterspielen in Jerez betreut haben, war es das erste und einzigste Mal, dass alle sechs deutschen Pferde in der Wertung ins Ziel kamen.

Impression von der EM in Portugal
Foto: M. Grell
ML:
Wie stand es denn nun um die Deutschen in Portugal, die ja in recht schwacher Besetzung dorthin gefahren sind?
MARTIN GRELL:
Drei Pferde waren die Minimalbesetzung, um eine Mannschaft zu bilden.
Von den drei Pferden, die unten waren, ist eines ins Ziel gekommen. Das aber in einer Geschwindigkeit, in der noch nie ein deutsches Pferd ein Championat gelaufen ist. Ich habe große Hochachtung vor der Leistung von Dr. Gabriele Förster, da kann man der Mannschaftsführung wirklich gratulieren, dass so ein Pferd-Reiter-Paar dabei war. Und das, obwohl das Rennen aus Pressegründen erst um halb acht gestartet wurde und nicht erst um fünf, wo man die Chance gehabt hätte noch vier bis fünf Stunden in der Kühle zu reiten, das ist schon stark.
ML:
Dr. Gabriele Förster wurde 9. im Gesamtranking und 6. in der Europäischen Meisterschaft ...
MARTIN GRELL:
... und das nicht einmal eine halbe Stunde nach dem Sieger, und somit kam sie sogar in die Auswahl für den Best Condition.
ML:
Du sagst, es wäre für Pferde und Reiter besser gewesen, früher zu starten. Andererseits ist der Vizepräsident der Portugiesischen Reiterlichen Vereinigung Paulo Branco Filmproduzent. Er hat für mehr Medienwirksamkeit gesorgt und versucht, den Sport zu verkaufen und Publikum anzulocken.
MARTIN GRELL:
Das war auf jeden Fall so. Selbst ganz normale Illustrierte haben auf ihrer Titelseite portugiesische Distanzreiter gezeigt. Die Medien waren sehr präsent.
ML:
Die Distanzreiter sind voriges Jahr bei den Weltreiterspielen quasi in Aachen hinten runtergefallen. Was hätte da anders gemacht werden können?
MARTIN GRELL:
Eines hat mich sehr überrascht: Vor Aachen wurde versucht glaubhaft zu machen, dass nur so viele deutsche Pferde starten dürfen wie bei allen anderen Nationen auch. Ich wusste aber aus der Historie, dass jedes Gastland einer solchen Veranstaltung die doppelte Anzahl an Pferden starten lassen darf. - In Portugal waren elf portugiesische Pferde am Start. Alle anderen Nationen hatten sechs. Wie kommt das? In Aachen sind nur fünf deutsche Pferde gestartet! Ich denke, da ist in Aachen großer Schaden am deutschen Distanzsport entstanden, weil dem Gastland die Möglichkeit genommen wurde, den Sport positiv darzustellen.

Bariq Al Amar unter Alexia Kolpodinou
Foto: M. Grell
ML:
Ist denn nun eindeutig nachvollziehbar, wer dafür verantwortlich zu machen ist und werden uns wieder wilde Anschuldigungen vorgeworfen, wenn wir eine Hausnummer benennen?
MARTIN GRELL:
Ich war bei den entsprechenden Sitzungen nicht dabei, aber was ich sagen kann, ist, dass der Aachen-Laurensberger Rennverein, der das Ganze veranstaltet hat, maßgeblich an der Festlegung der Starterzahlen beteiligt war.
ML:
An dieser Stelle vielleicht einmal ein Wort zu der griechischen Reiterin, die du in Portugal betreut hast ...
MARTIN GRELL:
Ich hatte endlich die Möglichkeit, alle die Dinge, die ich mir im Vorfeld vorgenommen und überlegt hatte, umzusetzen, angefangen von der Art der Anreise bis hin zu entsprechenden Blutanalysen in Portugal. Bei dem Pferd handelte es sich um einen sehr kraftvollen, muskulösen Hengst, der von sich auch sehr überzeugt war. Ich kann bestätigen, dass er zum Startzeitpunkt optimal trainiert war.
ML:
Aber er ist nicht durchgekommen?
MARTIN GRELL:
Nein, er ist gleich im ersten Gate rausgefallen wegen einer Lahmheit aus dem unteren Teil des Beines, die auch kurz darauf wieder weg war. Aber das zeigt eben, wie unvorhersehbar der Sport ist.
ML:
In unserem letzten Gespräch – um das noch einmal zu unterstreichen – ging es nicht darum, jetzt, nachdem du als Tierarzt des deutschen Nationalkaders aufgehört hast, zu meckern, sondern die Sachen, die innovativ und gut waren, die du für richtig hieltest, weiter voran zu bringen. Und dass daraus, vorsichtig formuliert, ein reger Meinungsaustausch entstanden ist, war schon so gedacht. Es ging durchaus auch darum, einmal Dinge zu äußern, die sonst unter den Teppich gekehrt wurden.

MARTIN GRELL:
Es waren einfach zu viele Gerüchte im Umlauf. Ich bin von verschiedenen Seiten angesprochen worden, weshalb ich den Job nicht mehr mache. Da ist es doch sinnvoll, zu beschreiben, was abgelaufen ist. Dann kann sich jeder ein eigenes Bild machen.
ML:
Dass du in einem Gespräch, das wir miteinander führen, subjektiv bist, liegt auf der Hand.
Wo sollte die Objektivität einsetzen?
MARTIN GRELL:
Die Beurteilung der Pferde muss objektiv sein – soweit das machbar ist, was zugegebener Maßen immer schwerer fällt, je länger man die Menschen und die Pferde kennt. Aber dafür gibt es Hilfsmittel, indem man versucht, möglichst viele Dinge zu messen und in Zahlen auszudrücken, beispielsweise in einem Punktesystem wie beim Frühjahrscheck, wo die Pferde kategorisiert werden, um eine Vergleichbarkeit herzustellen und dann entsprechend beraten zu können.
ML:
Hoffen wir also, dass deine Ideen weiterhin aufgenommen werden und von deinen Vorschlägen auch in Zukunft profitiert wird.
MARTIN GRELL:
Der neue Team-Tierarzt arbeitet da sehr souverän, ich wünsche ihm alles Gute.
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| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |