Phonocardiographie

Herzdiagnostik im digitalen Zeitalter

von Martin Grell

Als Distanztierarzt hat man häufig die Entscheidung zu fällen, ob ein Pferd mit bestimmten Veränderungen im Herzton noch starten oder weiterlaufen darf. Nicht jede Abweichung entspricht jedoch einer krankhaften Veränderung und muss nicht zwangsläufig zu geringerer Belastbarkeit führen. Auch können Pferde je nach Disposition und Trainingszustand Veränderungen individuell kompensieren. Daher habe ich nach Möglichkeiten gesucht, genauer zu diagnostizieren und Untersuchungsergebnisse archivieren und reproduzieren zu können.

Im Anschluss möchte ich zunächst kurz auf die Physiologie des Pferdeherzens eingehen, bevor eine Übersicht über die derzeit möglichen Untersuchungsmethoden erfolgt.

Physiologie des Pferdeherzens

Aufgabe und Funktion des Pferdeherzens

Das Herz des Pferdes als Bestandteil des Herz-Kreislauf-Apparates funktioniert als autonome Saug-Druck-Pumpe und unterliegt der Regulation durch das autonome Nervensystem. Autonom bedeutet, dass seine Funktion nicht wissentlich beeinflussbar ist, was sich durch folgendes Beispiel veranschaulichen lässt: Ein Hengst begegnet während eines Galopprennens seiner Lieblingsstute. Seine Herzfrequenz kann sich jedoch nur geringfügig erhöhen, da sie leistungsbedingt bereits maximiert ist. Befindet er sich aber im Ruhezustand, und die Stute wird an seiner Box vorbeigeführt, erhöht sich seine Herzfrequenz deutlich. (Zitat Krzymanek: „Je näher das Pferd dem physiologischen Ruhezustand kommt, desto stärker ist der emotionale Einfluss auf die Herzfrequenz.“) Diese emotionale Beeinflussung begegnet uns zuweilen auch auf Distanzritten durch emotional indisponierte Reiter oder Trosser.

Das Herz verfügt über zwei Möglichkeiten, seine Leistungsfähigkeit zu steigern, nämlich sowohl über die Herzfrequenz als auch über das Herzschlagvolumen. Nur so lässt sich beispielsweise eine sinkende Herzfrequenz beim Ridgeway erklären. In diesem Falle wird die Belastung nicht durch die Frequenz, sondern durch das Herzschlagvolumen mehr als kompensiert. Hierbei kann es bis zur Verdopplung der Blutmenge pro Herzschlag kommen.

Die Frequenz hingegen kann bis auf das Sechsfache steigen. Somit ergibt sich bei möglicher Versechsfachung der Frequenz und möglicher Volumen-Dopplung der Faktor 12 für die Steigerung des Herz-Minuten-Volumens von 30 auf 360 Liter. – Ein Indiz für die Einzigartigkeit des Pferdeherzens, dessen großartige Anpassungs- und Leistungsfähigkeit der evolutionären Entwicklung als Fluchttier geschuldet ist.

Im Zusammenspiel mit dem Kreislauf dient das Herz dem Austausch von Gasen, Flüssigkeiten, Nährstoffen und Elektrolyten, dem Transport von Zellen und Molekülen zur Immunabwehr und zur Reparatur von Gewebeschäden sowie der Thermoregulation.

Ansätze zur Untersuchung

Nutzung der körpereigenen Sinne

Sehen (Inspektion): Der Herzspitzenstoß ist teilweise im dritten bis fünften Zwischenrippenraum links sichtbar, besonders deutlich bei Anämie oder Überanstrengung - wie beim Zwerchfellflattern, wo es zu einer Art Synchronisation von Herz und Atemfrequenz kommt, um das Pferd am Leben zu halten.

Tasten (Palpation): Fühlen des Herzimpulses mit den Fingerspitzen zwischen der dritten und fünften Rippe links.

Percussion (Abklopfen mit definiertem Schall auf Rippenzwischenräume): Anhand des Schallechos wird deutlich, ob der Raum darunter hohl oder gefüllt ist. Bei Herz- und Herzbeutelvergrößerung sind diese Räume entsprechend erweitert, bei Pericarditis, Hydrothorax, Pleuritis und Lungenemphysem nicht mehr abgrenzbar.

Hören (Auskultation): Die Beurteilung erfolgt anhand von Zahl, Rhythmus, Intensität und Qualität der Töne. Herztöne sind physiologisch, Herzgeräusche pathologisch definiert.

Physikalische Messmöglichkeiten

Blutdruck-Messung (nach Grabner) an der Schweifwurzel-Arterie, wobei die Schweifbewegungen jedoch eine große Fehlerquelle darstellen. Bislang befindet sich kein günstiges digitales Gerät auf dem Markt.

EKG

EKG - Messung elektrischer Impulse mittels Mikrostrommessung (beispielsweise Firma Televet), wobei Erregungsbildung und Weiterleitung der Ströme im Herzen im EKG dargestellt werden. Erregungsveränderungen sind messbar.

Abb. 1: EKG – pathologischer Befund, u.a. deutliche Veränderung der Hauptkammererregung, das Pferd ist nicht belastungsfähig

GPS

Einsatz von GPS-Geräten, die die Herzfrequenzen in Abhängigkeit von Geschwindigkeit und Höhenunterschied im Zeitdiagramm parallel darstellen und der Trainingsüberwachung und Trainingssteuerung dienen.

Abb. 2: GPS-Aufzeichnung

Sonographie

Bei der Echocardiographie und Dopplersonographie können mittels Ultraschall Herzklappen und Wandstärken von Herzkammer und Vorkammer gemessen und Herzklappenfehler nachgewiesen werden.

Abb. 3: Dopplersonographie

Röntgen mit und ohne Kontrastmittel ist eine weitere mögliche, aber kaum gebräuchliche Form der Herzuntersuchung. Der Labordiagnostik mangelt es an herzspezifischen Parametern.

Kaderpferd
Abb. 4

Klappenfehler
Abb. 5

AV-Block
Abb. 6

Schmerz
Abb. 7

Seit 1972 ist die akustische Untersuchung mittels Phonocardiographie nach Störri/Lehmann bekannt. Sie bietet die Möglichkeit, das Gehörte digital aufzuzeichnen und auf den Computer zu übertragen. Die Visualisierung der Herztöne und Archivierung zu Zwecken der Vergleichbarkeit stellt dabei eine deutliche Erweiterung der diagnostischen Möglichkeiten dar. Phonocardiographie ist auch ambulant einsetzbar, mit reproduzierbaren Ergebnissen jedoch nur unter Standardbedingungen, das heißt, es dürfen keine Windneben- oder andere Störgeräusche auftreten. Im Feld, also beim Distanzritt, ist die Untersuchungsmethode daher nur bei optimalen Umgebungsparametern anwendbar.

Die Möglichkeit, subjektive akustische Eindrücke sichtbar zu quantifizieren objektiviert die ambulante Herzdiagnostik.

Phonocardiographie-Beispiele aufgenommen mit einem Gerät der Firma Littmann

Abb. 4: Phonocardiographie - Gesundes deutsches Distanz-Kaderpferd.

Abb. 5: Phonocardiographie - Herzklappenfehler: einzelne Herztöne sind nicht mehr zu unterscheiden, Maschinenklang, unregelmäßige Herzfrequenz, das Pferd ist nicht mehr belastbar.

Abb. 6: Phonocardiographie: Gesamtkraft des Herzens deutlich herabgesetzt, AV-Block. - Eine kleine Erregung tritt auf, wird aber nicht weitergeleitet; dadurch kommt kein Herzschlag zustande. Zu hören ist eine verlängerte Pause zwischen 2 Herzschlägen.

Abb. 7: Phonocardiographie – Schmerz bei einem alten Pferd; Klappengeräusch auf dem ersten Herzton; zweiter Herzton ist stärker als der erste, was auf Schmerz hindeutet. Insgesamt ist die geringe Amplitude Ausdruck einer schwindenden Herzkraft.

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letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 mail Martin Grell ruft an! ring vom 9. August 2009