
Der FEI-Tierarzt Martin Grell war fünfeinhalb Jahre lang Teamtierarzt der deutschen Nationalmannschaft der Distanzreiter und arbeitet jetzt für das griechische Team. Im Gespräch mit Miriam Lewin äußerte er sich über Capsaicin und den Image-Schaden für den Pferdesport.
ML: Nachdem in Hongkong gleich bei vier Pferden aus vier Nationen die dieselbe verbotene Substanz gefunden wurde, keimt in mir die Frage auf, ob Capsaicin da im Springreiterlager gewissermaßen als Partydroge gehandelt wurde.
MARTIN GRELL: Die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen, unbeabsichtigten Applikation der Substanz halte ich für extrem gering. Oder wie es sinngemäß seitens der FN hieß: „Das Zeug fiel nicht vom Himmel“.
ML: Also nach dem Motto: So lange wie’s gut geht, so lange in den Labors nicht bekannt ist, dass nach eben dieser Substanz gesucht werden muss, probiert man’s.
MARTIN GRELL: Was den Radsportlern ihr EPO, ist dem Springsport dieser Supergau. Dabei lassen sich aufgetragene Substanzen mittlerweile mit der entsprechenden Technik sogar nicht invasiv nachweisen. Im Thermografie Institut Berlin wurde seit 2004 eine Methodik entwickelt, mit der Körperteile, die durch aufgetragene Substanzen Dichte- und somit thermisch verändert sind, ohne großen Zeitaufwand in einem bildgebenden Verfahren identifiziert werden können.
ML: Wurde da in Hongkong blauäugig oder dreist gehandelt?
MARTIN GRELL: Ich würde sagen: unverfroren. Das ist auch Unverfrorenheit im Umgang mit den Offiziellen. Jeder Kaderreiter unterschreibt schließlich, dass 8 Wochen vor dem Wettkampf jede Gabe eines Medikaments nur noch in Absprache mit dem Team-Tierarzt und unter dessen Kontrolle erfolgen darf. Hier sind sowohl der Team-Tierarzt als auch die anderen DOKR-Offiziellen betrogen und brüskiert worden.
ML: Die Wirkung von Capsaicin, heißt es, ginge in Richtung durchblutungsfördernd oder sogar Blistern, was aus tierschutzrelevanten Gründen heute als Behandlungsmethode bei Sehnenschäden nicht mehr angewandt wird.
MARTIN GRELL: Nachdem die Substanz aufgetragen wurde, sensibilisiert sie die Haut, sodass bei Kontakt mit harten Gegenständen ein Schmerz auftreten kann. Dies ist eine chemische Form des Barrens. Das verstößt gegen das Tierschutzgesetz, in dem definiert ist, dass keinem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund Schmerz zugefügt werden darf.
ML: Ist denn eine olympische Goldmedaille kein vernünftiger Grund?
MARTIN GRELL: Aus Sicht des deutschen Tierschutzgesetzes klar: Nein.
ML: Nun heißt es doch aber, die Substanz sei zur Behandlung von Rückenproblemen verwendet worden.
MARTIN GRELL: Wenn mein Pferd, das ich bei den Olympischen Spielen einsetzen will, Rückenprobleme hat und ohne diese Salbe nicht laufen kann, nehme ich das Ersatzpferd. Es gibt genug gute Pferde in Deutschland. Da sollte man vielleicht einmal die Berufungskriterien für Championatskader im Springreiten überdenken.
Außerdem ist mittlerweile aus der Leistungsphysiologie bekannt, was man gegen Rückenprobleme dopingfrei unternehmen kann. Das fängt bei der Trainingsmethodik an. Jedes Springpferd sollte nach einem schweren Springen noch lange genug bewegt werden, um die Übersäuerung in der Muskulatur abzubauen. – Ohne die Beherzigung solcher Grundsätze würde kein Distanzpferd nach 160 Kilometern heil im Ziel ankommen.
ML: Da wäre es doch schön, wenn man disziplinübergreifend voneinander lernen könnte.
MARTIN GRELL: Es gab diese Ansätze 2006 in Vorbereitung auf die WEG in Aachen. Sie wurden dann leider nicht weiterverfolgt.
ML: Ich finde es extrem schade, dass durch dieses Desaster bei den Springreitern ein Schatten auf die Leistung in anderen Pferdesportdisziplinen gefallen ist.
MARTIN GRELL: Der Schaden ist dem ganzen Pferdesport entstanden. Es ist ein Unterschied, ob sich ein Sportler wissentlich mit Drogen vollpumpt, oder ob man das einer Kreatur antut, für die man Verantwortung trägt. Dennoch sollte man hier den Erfolg der Vielseitigkeitsreiter besonders hervorheben. Sie hatten noch bis zu den Weltreiterspielen in Aachen ein Image-Problem. Jetzt ist die Disziplin stark im Kommen, und das aufgrund von neuen Trainingsmethoden – wie zum Beispiel der Pulsmessung – die im Distanzsport schon viel länger zum Einsatz kommen.
ML: Aber auch die deutschen Dressurreiter haben nicht das abgeliefert, was von ihnen erwartet wurde ...
MARTIN GRELL: Sie haben immerhin Mannschaftsgold und im Einzel Silber und Bronze geholt! Hier wurde bewusst in Kauf genommen, dass nicht alles perfekt lief und auf unlautere Mittel verzichtet. Unabhängig davon darf man einer Pferdepersönlichkeit, die jahrelang Höchstleistungen im Spitzensport gebracht hat, auch mal einen Aussetzer zugestehen. Von der Qualität im deutschen Pferdesport zeugt übrigens auch die Goldmedaille von Lena Schöneborn im Modernen Fünfkampf, ein Wettbewerb, in dem der Athlet sich auf ihm fremden Pferden bewähren muss. Das sind Anforderungen, die anderen Reitern gar nicht abverlangt werden.
ML: Und diese Medaille kam sogar ziemlich überraschend.
MARTIN GRELL: Ebenso unerwartet wie der hervorragende, wenn auch undankbare, 4. Platz der des deutschen Distanzreiter-Teams 2006 in Aachen. Dort hatten wir bereits des Thermografie Institut an Bord und konnten die Mannschaft nicht nur trainings-, sondern auch wettkampfbegleitend unterstützen, was einen deutlichen Anteil an dem oben genannten Ergebnis hatte. Es bleibt zu hoffen, dass die damals entwickelten Möglichkeiten aufgegriffen und von FN und FEI endlich angewendet werden.
ML: Das gab zwar kein Edelmetall, ist aber immer noch viel besser als eine Mannschaft, die wegen Dopings platzt.
27. August 2008
Download als pdf| letzte Aktualisierung 1. Juli 2010 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |