

Eines von zwei Labor-/
Messfahrzeugen
Thomas Zimmermann öffnet ein grobkörniges Wärmebild auf dem Monitor, so eines, wie man es schon in diversen Pferdezeitschriften im Zusammenhang mit Beiträgen über Infrarot-Thermografie immer mal gesehen hat. Rot, Grün, Gelb, Blau, Weiß. "Dieses Bild ist vor anderthalb Jahren für 160 Euro verkauft worden", erklärt er, „da kann man die Pixel mit den Fingern mitzählen. - Die Aufnahme einer "Berufskollegin", die 2003 in der "Cavallo" schrieb: "Im Idealfall sollte ein Pferd 24 Stunden vor der Aufnahme in der Box stehen. Sonne führt zu falschen Ergebnissen. Das Pferd sollte 24 Stunden keine Bandagen, mindestens eine Stunde vor der Untersuchung keine Decke tragen und nicht trainiert werden. [...] Das irritiert bei der Interpretation der Bilder."
"Das hier sind Aufnahmen, die schwer zu deuten sind oder überhaupt nicht up to date vom technisch Machbaren her", hält Zimmermann dagegen und zeigt noch ein paar weitere Bilder. "Dennoch wurden diese Aufnahmen alle, wie sie hier stehen, zusammen mit einer Diagnose verkauft, was einfach nicht sein darf. Wer sich als "Thermograf" betätigt – wobei eigentlich Thermologe der richtige Ausdruck wäre – kann in den wenigsten Fällen in der Lage sein, eine Diagnose zu stellen. Keiner von den "Spezialisten" hier ist Veterinärmediziner. Ich persönlich kenne auch nur einen, der von beidem etwas versteht, und der sitzt in Warendorf, im olympischen Trainingszentrum und ist IOC-anerkannt. Über die Thermografie sagt er aber, dass ihm die Zeit fehlt, da tiefer einzusteigen. Also muss ich alle anderen anzweifeln, die behaupten, sie könnten sowohl Diagnose als auch Infrarot-Thermografie professionell betreiben.
Die Schwierigkeit ist, dass diese Leute gern schnelle Diagnosen verkaufen von miserablen Bildern, die sie technisch nicht auswerten können, weil sie die Basis der Physik nicht kennen. Man muss zwar nicht Physiker sein, um gute Aufnahmen zu machen, aber man sollte sich dann wenigstens mit den Diagnosen zurückhalten. Wenn man dazu noch diese Bilder sieht, würde ich sagen, sollte man sich auch mit den Bildbeispielen zurückhalten."

Thermografie-Check in Kreuth
Aber wie funktioniert es denn nun? Wenn Thomas Zimmermann seine Aufnahmen am Pferd macht, ist er schweigsam und konzentriert, hält sich mit Aussagen zurück. Er mag es nicht, wenn man ihm ins Bild rennt, denn die hochsensible Kamera registriert auch den Menschen neben dem Pferd als Wärmequelle. "Spiegelungen und Reflexionen sind die Hauptfehlerquelle", sagte Zimmermann, "da reicht es schon, wenn der Mensch am anderen Ende des Stricks eine raucht und sich die Glut im Huf spiegelt. - Fertig ist das equin thermografierte Hufgeschwür."
Wenn man ihm über die Schulter blickt, kommentiert er die visuelle Wahrnehmung sparsam. "Natürlich hat man mittlerweile ein geschultes Auge, sodass man schon durch den Sucher oder auf dem Display sieht: da ist anscheinend eine Anomalie, da müssen wir mal genauer draufgucken. Selbst Martin Grell ist inzwischen so geübt, dass er Sachen sieht, die da eigentlich nicht hingehören. Für mich als Nicht-Mediziner ist es wiederum schwierig, Dinge zu benennen, die fehlen."


Starke
Beanspruchung
der Bänder (Vr),
Aufnahme
von der DM
(Göttingen 2007)
Erst später, am Computer beginnt für Thomas Zimmermann die eigentliche Arbeit. "Mit Hilfe der entsprechenden Software, kann man, wenn man die einzelnen Areale kennzeichnet, herauslesen, welche Temperaturbereiche hier gegeben sind. Dazu kann man aber nicht das Bild als solches allein verwenden, sondern man muss auch den Datensatz des Bildes aufrufen. Um das dann umsetzen und einfließen zu lassen, muss man was vom Aufbau der Kamera, von Strahlungsgesetzen und von Mathematik verstehen.
Mein Ansatz als Physiker ist es, alle Umweltparameter in die Berechnung einfließen zu lassen, die wir ja kennen und messen können: Wind, Sonne, Temperatursturz, Tendenz, Windchill- Auskühlungsfaktor usw. In Wettbewerben mache ich das in der Regel so, dass ich einen Tag vorher anreise. Ab da läuft ein Datenlogger mit, der die entsprechenden Daten sammelt und in die Bearbeitung der Bilder einfließen lässt. Das gilt für das Klima „draußen“ sowie das Klima im Stall oder in der Halle und läuft alles voll automatisch, die Software erledigt das für mich. Das ist ein recht komplexer Rechenvorgang, also hier findet sich der erwähnte Algorithmus, den ich aber auch immer noch einmal prüfe. Das heißt also: Taschenrechner raus, los geht’s. Die Formel ist so komplex, dass es im Wettbewerb zu lange dauern würde, sie per Hand anzuwenden, deshalb haben wir das, so weit es geht, automatisiert. Die Softwareentwicklung erledigen wieder andere Kollegen, die glücklicherweise so gut damit umgehen können, denen ich einfach nur sage, was ich möchte, und sie realisieren es dann.



Nasenbeinbruch /
Fissur
Wenn also diese Parameter herausgerechnet, oder besser "eingeflossen" sind, haben wir den Rohling, den wir sonst nur unter Laborbedingungen bekommen würden. – Violá, so einfach ist das!" Zimmermann zuckt mit den Achseln. "Wenn man allerdings von der Physik der Sache nichts versteht, dann ist man angewiesen auf diese Laborbedingungen selbst."
Mittlerweile kommt Leben in die Behandlungsboxen nebenan, wo obligatorisch all jenige Pferde landen, die von der Veterinärkommission wegen metabolischer Probleme oder Lahmheiten aus dem Rennen genommen wurden. Martin Grell bittet den Kollegen vom anderen Fach um Unterstützung.
"Wir haben immer wieder Fälle, wo wir überlegen, ob das überhaupt möglich ist“, berichtet Zimmermann. „Ergibt sich aus dem Vorhandenen, dass etwas Neues vorliegt, beraten wir uns gemeinsam. Dabei ist die Statistik insofern von Bedeutung, als ich nur anhand der gesammelten Daten die Norm immer weiter verfeinern kann. Um die Datensätze auszuwerten, brauche ich viel länger als Martin für die Vor-Diagnose. Deshalb ist die Zusammenarbeit auch so wichtig. Ich kann immer nur die oberen Spitzenwerte kennzeichnen, die unteren sehe ich meistens nicht, weil mir das Grundwissen in der Anatomie und der Veterinärmedizin fehlt.

Zahnbildaufnahmen in Zusammenarbeit
mit Tierarzt Martin Grell
Innerhalb eines Wettbewerbs wie in Kreuth sammele ich ungefähr 4 Gigabite Daten, also alle Einzelaufnahmen, plus der Umweltdaten. Aufgrund der hohen Statistikwerte können wir mittlerweile schon unterscheiden, ob eine Verletzung alt oder frisch ist oder ob eine alte Verletzung gerade wieder aktiv wird. Jede Aktivität, die da vorliegt, hat eine bestimmte Wellenausbreitung. Und daran, wie die Welle geformt ist, können wir bestimmen, ob etwas gerade anfängt oder abklingt oder ob es ausgeheilt ist. Das steht im engen Zusammenhang mit der Photonenfolge. Der Abstand des Eintreffens der Photonen kennzeichnet unter anderem die Wellenlänge und Form, es gibt also einen amplitudischen Peak, der da zu sehen und zu messen ist.
Damit befinden wir uns im Bereich Biophotonik. Am Körper und am lebenden Objekt sind solche Messungen immer etwas ganz anderes als am statischen Objekt – Stahl, Stein, Holz, Glas, was auch immer – und sie sind sehr, sehr schwierig durchzuführen. Aber wenn man, wie wir jetzt am Pferd, schon entsprechend viele Daten gesammelt hat und in der Lage ist, diese Wellen zu bestimmen, dann kann man auch erkennen: Das ist neu, das ist alt, das kommt oder das geht.
Eine einzelne Aufnahme von einem Pferd enthält 151 kb Daten. Das ist zunächst nicht viel mehr als eine tabellarische Aneinanderreihung von Zahlen. Wenn man dann aber nicht in der Lage ist, diesen Datensatz hinterher am Rechner auszuwerten, dann Finger weg, Geld sparen, Profis anrufen!"
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| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |