
von FEI-Tierarzt Martin Grell (Pferdedentalpraktiker nach IGFP)
Vielen Reitern ist immer noch nicht bewusst, dass bei der heutigen Form der Pferdehaltung nicht nur die Hufe, sondern ebenso die Pferdezähne regelmäßige Pflege brauchen. Das Pferd ist ein Fluchttier, für das die zwei wichtigsten Dinge im Leben das Laufen mit gesunden Beinen und Hufen und das Fressen mit gesunden Zähnen sind. Die regelmäßige Pflege von Zähnen und Hufen ist folglich absolut notwendig für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Pferdes.
Hufe wachsen nach, für Pferdezähne gilt ähnliches. Auch diese wachsen bis zum Alter von etwa 6 Jahren. Dann haben die Backenzähne mit ihrer sehr langen Reservekrone - dem Bereich zwischen äußerlich sichtbarer Krone und Wurzelspitze - eine Länge von etwa 10 cm erreicht. Pro Jahr schieben sich die Pferdezähne nun etwa 2 mm aus dem Zahnfach heraus und sollten im Idealfall beim Fressen auch um diese Länge abgenutzt werden.
Die Backenzähne des Pferdes sind dachförmig nach außen hin abfallend und etwa um 12° bis 14° gewinkelt. Der Oberkiefer ist etwas breiter als der Unterkiefer. Beim Kauen von Kraftfutter und weicher Nahrung wird kein besonders weiter oder kräftiger Kauausschlag benötigt, womit sich die Seitwärtsbewegung des Unterkiefers verringert. Dadurch wird nicht die gesamte Reibefläche der Zähne gleichermaßen beansprucht und die Bildung von scharfen Kanten an den Backenzähnen begünstigt; am Oberkiefer außen und am Unterkiefer innen.

Deutliche Schärfen im Mahlzahnbereich
eines 12jährigen Arabers
Diese Kanten verletzen die Backenschleimhaut und die Zunge. Eine kleine und edle Kopfform begünstigt zusätzlich diese Zahnprobleme!
Eine weitere Beeinträchtigung erfolgt, wenn das Pferd mit Trensengebiss geritten wird. Dabei werden die Mundwinkel nach hinten gegen die scharfen Kanten und Haken der Backenzähne gezogen und die Lederriemen der Trense drücken zudem von der Seite. Kein Wunder also, dass viele Pferde sich gegen das Gebiss wehren.
Daraus ergibt sich für den Pferdebesitzer die tierschützerische Pflicht, die Nachteile die sich durch gängige Pferdezucht und -haltung für die Zahngesundheit der Tiere ergeben, durch regelmäßige Zahnpflege auszugleichen.
Häufig werden die Schneidezähne zu lang, da sie nicht mehr zum Abbeißen von Gras gebraucht werden und der entsprechende Abrieb fehlt. Zudem ist unser Weidegras sehr weich und enthält wenig Silikate, die den Abrieb erhöhen. Dadurch haben die Backenzähne beim Zermahlen des Futters einen zu großen Abstand und zu wenig Kontakt. Erst bei einer viel zu weiten, die Kiefergelenke belastenden Seitwärtsbewegung werden die Backenzähne dann ausreichend in Kontakt gebracht. Raspelt man nun bei einer Zahnbehandlung nur die Backenzähne, ohne auch die Schneidezähne zu berücksichtigen, verstärkt das die Probleme sogar und das Pferd frisst noch schlechter. Das heißt natürlich nicht, dass bei jedem Pferd die Schneidezähne gekürzt werden müssen, aber es kommt doch relativ häufig vor, dass sie wenigstens etwas an die Länge oder den zu steilen Winkel der Backenzähne angeglichen werden müssen.
Wie erkenne ich Zahnprobleme beim Pferd?

Schneidezähne schief und zu lang
Ein aufmerksamer Pferdebesitzer kann selbst einige Verhaltensmerkmale beim Pferd beobachten, die auf mögliche Zahnprobleme hinweisen.
Unrittigkeit:
Das Pferd lässt sich schlecht auftrensen, wehrt sich gegen das Gebiss (Mauligkeit, Festbeißen und Kopfschlagen, Steigen), lässt sich nach einer Seite schlecht stellen ...
Veränderte Futteraufnahme:
Langsames und schlechtes Fressen, aber auch hastiges Fressen mit viel Futter im Maul, abnorme Kaubewegungen (keine mahlenden Seitwärtsbewegungen), Futter fällt beim Kauen aus dem Maul, Wickel kauen, Schmatzen, übermäßiges Speicheln ...
Schlechter Allgemeinzustand:
Abmagern (trotz reichlicher Futteraufnahme), stumpfes Fell, schlechte Kondition ...
Andere Symptome:
Ungenügend zerkleinerte Partikel im Kot, Verstopfungskoliken, wiederholt Schlundverstopfung, Mundgeruch, Headshaking (Kopfschütteln), Pferd frisst lieber Heu und Weichfutter als Hafer und Pellets, frustriertes Kopfschlagen beim Fressen ...

Das gleiche Gebiss nach der Behandlung
Vorteile eines korrekten Gebisses für ein Distanzpferd:
Weitere Informationen zu diesem Thema gibt die Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne e.V. unter www.igfp-ev.de.
| letzte Aktualisierung 2. Juli 2011 | Martin Grell ruft an! | vom 9. August 2009 |